Verletzbarkeit erscheint seit der Antike als menschliche Fehlbarkeit. Die Basler Philosophin Barbara Schmitz erkundet in ihrem neuen Buch ‹Offenheit und Berührbarkeit› die lichten Seiten von Verletzbarkeit als eine Conditio humana und universelles Merkmal.
Stefanie Schälin: Vor Kurzem ist deine sehr geliebte Hündin Paulina gestorben. Sie ist auch in deinem neuen Buch Thema. Inwiefern war der Tod deiner Hündin ein Moment, in dem du Verletzbarkeit als konkreten Teil deines Menschseins erlebt hast?
Barbara Schmitz: Das ist eine gute Frage. Paulina hat mir sehr nah gestanden, auch weil sie eine Beeinträchtigung hatte und viele Jahre nur mit drei Beinen gelebt hat. Vielleicht hat das die Bindung zu ihr besonders stark gemacht. Ihr Tod war für mich eine große Lektion in Verletzbarkeit und hat mir gezeigt, wie jede Bindung uns verletzbar macht. Die intensive Bindung zu einem Anderen, ob Tier oder Mensch, birgt immer das Risiko, verletzt zu werden. Oft bleibt ein Gefühl von Verlassenheit, wenn die Bindung aufgelöst wird. Ein Abschied, der eine Leere nach sich zieht – und ein Gefühl von Einsamkeit. Einsamkeit ist eine schwere Form von Verletzbarkeit des Menschen und es ist beunruhigend, dass sich in unserer Gesellschaft so viele Menschen einsam fühlen. Hier sehen wir die Kehrseite des übersteigerten Individualismus und des extremen Autonomiestrebens. Wobei verschiedene Arten von Einsamkeit unterschieden werden müssen. Nicht jede Einsamkeit ist per se etwas Schlimmes oder Schlechtes. Es gibt auch ein Alleinsein, das ein wichtiger Zufluchtsort ist.
Einsamkeit ist nicht die einzige, aber eine unserer größten Verletzbarkeiten, weil sie sich auf vieles auswirkt. Schmerzen zu haben, zum Beispiel, ist viel schlimmer, wenn wir dazu noch einsam sind.
Lernen von Menschen mit Beeinträchtigungen
StS Wie ist es dazu gekommen, dass du ein Buch über Verletzbarkeiten geschrieben hast?
BS Viele Themen, die mich in meinem Leben beschäftigt haben, wie Beeinträchtigungen, die Suizide in meiner Familie, und auch mein philosophisches Nachdenken über Schmerz, lassen sich sehr gut unter dem Oberthema ‹Verletzbarkeit› fassen. So hat mich das Thema in seinen verschiedenen Facetten schon lange beschäftigt. Rückblickend war es eine Erfahrung von ganz großer Verletzbarkeit, als ich Carlotta, die eine Beeinträchtigung hat, bekommen habe. Ich war 30 Jahre alt und hatte eine Menge Pläne; ich wollte noch viele Jahre im Ausland leben und war abenteuerlustig. Dass ich dann ein Kind mit einer Beeinträchtigung bekommen habe, hat mich vieles gelehrt. Den Schmerz und die Angst auszuhalten und anzuerkennen, wie fragil man ist und was alles geschehen kann, war für mich als junge Frau erschütternd, bis ich begriff, was für ein unglaubliches Glück und welche Chance es ist, welch ein unheimlicher Reichtum gerade in dieser besonderen Beziehung liegt. Es wäre falsch zu denken, man könnte das den Eltern einfach so abverlangen. Man muss ihnen die Zeit lassen, mit dieser Erfahrung umgehen zu lernen. Heute denke ich, dass ich durch Carlotta viel über den Umgang mit Verletzbarkeit gelernt habe. Sie hat mir viel beigebracht, weil sie mit Verletzbarkeit fantastisch umgeht. Obwohl sie auf ihre besondere Weise verletzbar ist, ist das für sie kein Makel oder eine Schwierigkeit. Zum Beispiel kommt sie nicht damit zurecht, wenn jemand einen rauen, harten Ton ihr gegenüber anschlägt. Sie weiß das und steht dazu. Und sie versucht das anderen zu erklären: «Weißt du, ich kann das nicht so gut mit so einem Ton». Ich finde das wunderbar, wie sie gelernt hat, ihre Verletzbarkeit anzunehmen. Für sie ist es keine Option zu sagen: «Ich muss mir das abtrainieren.» Sie sagt stattdessen: «Weißt du, das ist ein Ton, der für mich sehr schwierig ist». So gibt sie dem Gegenüber die Chance zu sagen: «Okay, dann müssen wir schauen, wie wir es anders machen können.» Als Kind wurde mir oft gesagt, ich sei so verletzlich und müsse ein dickes Fell bekommen. Das finde ich noch heute falsch. Carlotta zeigt, es geht nicht um ein dickes Fell, sondern wie wir gut miteinander reden können, ohne dass die eine oder andere Seite sich verletzt fühlt. Darin ist sie großartig und das ist echt schön.
StS Du schreibst, dass wir von Menschen mit Beeinträchtigungen viel über den Umgang mit Verletzbarkeit lernen können. Warum?
BS Menschen mit Beeinträchtigungen zeigen uns, dass menschliches Leben immer verletzbar ist. Das leugnen viele von uns gerne, weil wir das Gefühl haben, wir seien stark und unverletzbar. Schon seit der Antike gibt es die Geschichten von Menschen, die ‹unverwundbar› sind. Das ist aber der falsche Weg. Wie wir mit dieser Verletzbarkeit kreativ umgehen können, sehe ich bei Carlotta, die sie nicht als Schwäche ansieht. Sie sagt: «Okay, manches kann ich nicht» und geht produktiv damit um. Allgemein zeigen Menschen mit Beeinträchtigungen uns, dass wir alle aufeinander angewiesen sind und diese Angewiesenheit keine Schwäche, sondern etwas Positives ist. Es ist wichtig, dass diese Sorge für den anderen in einer guten Weise vor sich geht und darauf reflektiert wird, was das für beide Seiten heißt, gerade wenn Machtstrukturen vorliegen. Es geht auch um das Bemühen, eine Asymmetrie in einer Beziehung gut zu gestalten. Viel zu schnell wird davon ausgegangen, dass zwei autonome Individuen immer in einem symmetrischen Austausch stünden. Das stimmt nicht.
Der Mythos des autonomen Individuums
StS Was ist das Problematische am Bild vom autonomen Individuum und der damit einhergehenden Vorstellung der Unverletzbarkeit? In unserer Gesellschaft ist diese Idee sehr präsent.
BS Das Bild geht auf die Antike zurück. Man denke an Achill, der von seiner Mutter in den Fluss getaucht wird, damit er möglichst unverletzbar ist. Es findet sich auch bei Siegfried, der im Drachenblut badet. Es gibt noch eine Reihe anderer Mythen, die wir tief verinnerlicht haben, die davon ausgehen, dass Unverletzbarkeit etwas Erstrebenswertes und Heldenhaftes ist. Diese Vorstellung hält sich bis heute, natürlich in etwas veränderter Form. Das Ideal des starken Individuums durchzieht unsere Kultur tief. Interessanterweise hat sich eine Gegenbewegung entwickelt, die die Verletzbarkeit ins Zentrum stellt, aber diese beinahe als Waffe benutzt. So wird beispielsweise Manager:innen in Seminaren erzählt, dass es wichtig sei, sich gegenüber der Belegschaft verletzlich zu zeigen, um Vertrauen zu erzeugen oder zu zeigen ‹Ich bin wie ihr›. Das wird teils strategisch eingesetzt. Es ist eine merkwürdige Entwicklung, weil man nicht wirklich eine Verbindung schafft, sondern dadurch die Produktivität gesteigert werden soll. Vielleicht ist das eine Tendenz unserer Zeit: Weil Verletzbarkeit nie ganz ausgeklammert werden kann, wird versucht, sie strategisch zu nutzen.
StS Kommt es zu einer Ökonomisierung der Verletzbarkeit?
BS Ja, genau. Das passiert im Übrigen auch mit dem Resilienz-Begriff. Ursprünglich war das ein Begriff in den Materialwissenschaften für die Unzerstörbarkeit eines Materials oder eine besonders gute Widerstandsfähigkeit. In den 1970er Jahren wurde Resilienz von zwei Psychologinnen dann auf den menschlichen Kontext angewendet. Sie stellten fest, dass ein Drittel aller Kinder, die in sehr schwierigen Verhältnissen auf einer hawaiianischen Insel aufgewachsen sind, also mit Armut, Drogensucht der Eltern, geringer Bildung etc., sich trotz dessen gut entwickelt haben. Diese Kinder nannten sie «resilient» und sie suchten Faktoren, warum diese Kinder sich trotz Widerständen so entwickeln konnten. Der Begriff ist danach dann auch für den Umgang mit Schicksalsschlägen übernommen worden, wie einem Todesfall oder einer schweren Krankheit. Wenn jemand gut damit umgehen kann, so die Annahme, ist er oder sie resilient. Im Anschluss daran ist der Begriff in der Arbeitswelt aufgenommen worden. Hier wird nun gesagt: «Wir brauchen resiliente Arbeitnehmende, die mit Stress und Widrigkeiten locker umgehen können.» Resilienz ist auf diese Weise immer mehr zu einem Begriff für eine Art Zauberkraft geworden, durch die Menschen sowohl Schicksalsschläge wie auch schwierige Bedingungen wegstecken und widrige Arbeitsverhältnisse mit links schaffen sollen. Das ist eine problematische Entwicklung, weil der Begriff durch die Ökonomisierung vereinnahmt wird. Resiliente Individuen halten Systeme – auch wenn diese ungerecht sind – am Laufen. Dem Individuum wird enorm viel abverlangt, weil vorausgesetzt wird, dass er oder sie die Stärke und Kraft in sich selbst finden muss. Ausgeblendet wird, dass Menschen das manchmal auch nicht schaffen. Das müssen wir uns bewusst machen und ernst nehmen. Menschen sind verletzlich. Das heißt auch, dass sie an schlimmen Sachen zerbrechen können. Das anzuerkennen, scheint mir sehr wichtig zu sein. Unsere erste Frage sollte sein, wie wir jemandem helfen können. Wir sollten den Blick weg vom resilienten Individuum hin zu einer Gemeinschaft, in der man sich hilft, lenken.
Resiliente Gesellschaften
StS Es geht immer um das Individuum. Aber sollte nicht eine Gesellschaft resilient sein? Gerade im Hinblick darauf, was die gesellschaftliche Aufgabe wäre, wenn ein Individuum mit den Umständen nicht umgehen kann oder an ihnen zerbricht.
BS Du hast vollkommen recht. Tatsächlich macht der Begriff Resilienz für die Gesellschaft Sinn. Letztlich denke ich, ist auch der Begriff der Geborgenheit wichtig. Weil er beschreibt, dass wir eine Gesellschaft haben können, in der es Menschen möglich ist, verletzlich zu sein und sich trotzdem aufgehoben zu fühlen. Das fehlt heutzutage, weil viele an sich denken und sich um sich selbst kümmern. Das Bewusstsein, geborgen zu sein, ein Stück weit von anderen aufgefangen zu werden und zu wissen, dass jemand da sein und helfen wird, wenn ich es selbst nicht schaffe, ist im Schwinden begriffen. Das liegt daran, dass unsere gesellschaftlichen Strukturen immer den Individualismus fördern.
StS Dann kommt der Gemeinschaftsidee ein ganz zentraler Stellenwert zu?
BS Auf jeden Fall. Geborgenheit ist nicht etwas, was ich mir selbst schaffen kann, weil es gemeinsam geschaffen werden muss. Carlotta hat dafür wieder ein erstaunlich gutes Gespür. Sie arbeitet in einem Team und ist Teil dieses Teams. Wenn jemand einen schlechten Tag hat, wird das aufgefangen und ist kein Problem. Sie weiss sehr klar, wie sehr man die anderen Menschen braucht, um sich sicher zu fühlen und damit eine Gemeinschaft wirklich trägt.
StS Du schreibst, dass wir für eine starke Gesellschaft verletzbare Menschen brauchen. Kannst du dazu noch etwas sagen?
BS Das hängt auch mit der Geborgenheit zusammen. Wenn wir eine Gesellschaft wären, die nur aus ‹starken› Menschen, im Sinne von autonom Agierenden, bestünde, kämen wir zu einer ziemlich atomisierten Form von Zusammenleben. Das würde uns schwächen, weil wir die Verletzbarkeit nie abgeben können. Zum Beispiel: Es ist illusionär zu denken, mich könne keine Krankheit treffen. Auch sterblich zu sein, ist ein Ausdruck von Verletzbarkeit. Menschen, die nicht diesem Ideal des Starken nachkommen können, zeigen uns, wie anders damit gelebt werden kann. Sie geben uns Hinweise, wie wir damit umgehen, auf andere angewiesen zu sein. Jede:n von uns kann etwas treffen, aber aus dieser Verletzbarkeit kann etwas ganz Positives erwachsen, wie kreative Ideen, Nähe oder Berührbarkeit. Die Haut ist das beste Beispiel. Sie ist verletzbar gegenüber Druck, Stoß und Schnitt und gleichzeitig die Quelle von enorm viel Schönem, wenn eine zärtliche Berührung sie streicht oder ein Windstoß. Sie ist ein Ausdruck davon, wie Verletzbarkeit auch die Quelle von vielem Positivem ist. Wenn wir alle nur einen Panzer hätten, eine ‹Siegfried-Haut›, würde uns das alles entgehen. Es wäre kein menschliches Leben mehr.
Offenheit und Berührbarkeit
StS Du hast dein Buch ja auch mit ‹Offenheit und Berührbarkeit› betitelt.
BS Ursprünglich wollte ich das Buch ‹Verletzbarkeiten› nennen, doch dann hat der Verlag gesagt, solch ein Titel würde sich nicht verkaufen, das sei zu negativ. Dies zeigt eine Sicht auf Verletzbarkeit, welche sie ausschließlich negativ bewertet. Am Schluss konnten wir uns auf den jetzigen Titel einigen, der die positiven Seiten von Verletzbarkeit betont. Wir sind der Welt gegenüber offen und nicht von ihr abgeschottet. Wir sind auf Berührbarkeit angewiesen, wobei Berührungen aber auch gewaltsam sein können, was auch thematisiert werden muss. Es gibt Verletzbarkeit, die durch Umstände entsteht, also durch Machtverhältnisse oder Unterdrückungssysteme. Obwohl Verletzbarkeiten oftmals positiv sind, etwa als Offenheit und Berührbarkeit, können sie auch etwas Negatives sein, wenn unfaire Machtstrukturen zu einer großen Vulnerabilität führen.
StS Vorher hast du vom guten Umgang mit Verletzbarkeit von Menschen mit Beeinträchtigungen gesprochen. Zugleich ist es gerade diese Personengruppe, welche öfter gewaltförmigen Machtverhältnissen ausgeliefert ist.
BS Genau. Hier ist es wichtig, über Fragen von Macht und Verletzbarkeit nachzudenken. Macht lässt sich zwischen Menschen nicht vermeiden. Wir sind alle anderen Menschen ausgeliefert und Menschen mit Beeinträchtigungen sind dies noch verstärkt. Da ist es wichtig nachzudenken, wie damit sorgsam umgegangen wird. Wie finden wir eine Umgangsweise, die die Verletzbarkeit nicht ausnutzt oder in etwas Negatives verwandelt?
StS Wir sind am Ende unseres Gesprächs. Gibt es etwas, was dir noch wichtig ist zu betonen?
BS Verletzbarkeit ist sowohl eine Sache für das Individuum wie auch für die Gesellschaft. Diese beiden Ebenen immer zusammen zu sehen, scheint mir wichtig. Für unser Leben ist es individuell eine Herausforderung, weil wir mit Krankheit, Tod und Verlust etc. umgehen müssen. Aber es ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe, wie wir überhaupt damit umgehen können. Wir sollten gesellschaftliche Strukturen schaffen und Gemeinschaften fördern, die einen individuellen Umgang mit Verletzbarkeit ermöglichen. Diese beiden Ebenen – Individuum und Gesellschaft – wirken immer ineinander. Weil zunehmend weniger auf Gemeinschaft gesetzt wird, wird der Umgang mit Verletzbarkeit für das Individuum schwerer. Daher rühren auch die Einsamkeiten, von denen wir zu Beginn gesprochen haben. Über Einsamkeit werde ich übrigens mein nächstes Buch schreiben.
Link: https://www.barbara-schmitz.net/
Buch:

Schmitz, Barbara. Offenheit und Berührbarkeit: Neue Wege zu Verletzbarkeiten und Resilienz. Reclam Verlag, 2025.