Die Assoziation für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie (ACEST) in unserem Land hat sich der Herkulesaufgabe einer Zukunftsgestaltung gestellt, die auf die Überbrückung der riesigen Kluft der sozialen Isolation abzielt und eine sozial inklusive Welt für Menschen mit Assistenzbedarf zu schaffen.
Vor drei Jahrzehnten kam der sozialtherapeutisch-heilpädagogische Impuls nach Indien, und sein Wachstum wurde vor allem durch drei Bildungswege angeregt: Der eine war der Camphill-Impuls, der zweite war das von der Medizinischen Sektion am Goetheanum organisierte IPMT und in den letzten Jahren der IRA-Waldorfpädagogik-Grundkurs.
Der Impuls für die Camphill-Bewegung wurde vor rund 30 Jahren von einigen Freunden in Bangalore in Zusammenarbeit mit Mitgliedern von Camphill Copake (USA) auf dem fruchtbaren Boden Südindiens initiiert. Die als Tagesstätte konzipierte Einrichtung, welche Menschen mit Entwicklungsbedarf eine Berufsausbildung und neue Perspektiven bietet, hat in der Folgezeit an Schwung gewonnen und stellt heute eine ernstzunehmende Größe dar. Das ursprüngliche Ziel bestand in der Schaffung von Beschäftigungs- und Erwerbstätigkeitsmöglichkeiten für Menschen mit Assistenzbedarf. Aus diesen bescheidenen Anfängen heraus manifestierte sich der Wunsch, eine Wohneinrichtung zu etablieren, in der ein sinnvolles und zielgerichtetes Leben geführt werden kann, ein Leben, in dem die Bewohnerinnen und Bewohner Wertschätzung erfahren. Im Jahr 1999 wurde die Initiative Friends of Camphill India eingeweiht.
Die Gemeinschaft in Bangalore initiierte in Kooperation mit Mitgliedern der Camphill-Organisation Copake sowie weiteren Lehrkräften, die in Schottland, Irland, den Niederlanden und Deutschland auf dem Gebiet der Heilpädagogik und inklusiven sozialen Entwicklung tätig waren, die Durchführung eines dreijährigen Grundkurses. Eine Vielzahl an Fachleuten sowie konventionellen pädagogischen Fachkräften absolvierte eine Ausbildung auf diesem neuen anthroposophischen Weg. Die etwa 50 Auszubildenden gründeten im Anschluss eigene Initiativen oder waren in anderen Einrichtungen tätig, wobei sie die anthroposophischen Werte in ihre Arbeit integrierten.
In Südindien wuchs die Arbeit exponentiell durch die Menschen, die in Friends of Camphill India ausgebildet wurden. Für Ausbildende, die durch die Teilnahme am IPMT und an den IRA-Kursmodulen ein vertieftes Verständnis der Anthroposophie anstrebten, wurden zusätzliche Lesekurse und Studiengruppen angeboten. In den letzten Jahren wurden von Avapanam und einer Gruppe von Ausbildenden Kurse in einer regionalen Sprache, Tamil, durchgeführt.

Indische Spiritualität und das anthroposophische Menschenverständnis
Der indischen Bevölkerung sind die Konzepte von Reinkarnation und Karma nicht fremd. Unabhängig davon, woher wir kommen, haben wir ein tiefes Verständnis von Menschlichkeit und Spiritualität und schätzen das Geschenk des Lebens. Dieses Verständnis führte zur raschen Verbreitung von ACEST, da die Menschen die Ähnlichkeiten zwischen den traditionellen indischen Philosophien und Werten und den Anschauungen von Rudolf Steiner erkannten.
So wie die indische Philosophie von Selbstverwirklichung und dem Verständnis der eigenen wahren Natur spricht, zielt auch die Anthroposophie darauf ab, eine Brücke zwischen der geistigen und der materiellen Welt zu schlagen. Beide Traditionen betonen die Integration von Körper, Seele und Geist. In Indien gibt es auch das uralte Schulsystem der Gurukul, das eine ganzheitliche Bildung für Kinder bietet und der Weg von ACEST kann in ähnlicher Weise nachvollzogen werden. Das Programm bietet Kindern die Möglichkeit, die Natur zu erforschen, eins mit ihr zu werden, spirituelle Erfahrungen zu machen und Lehrende zu haben, die einen grossen Einfluss auf ihre Entwicklung haben.
Indien ist in der ganzen Welt für seinen enormen landwirtschaftlichen Reichtum bekannt, und die indischen Traditionen, die tief in den Jahreszeiten und Festen verwurzelt sind, werden überall auf der Welt sehr geschätzt. Die Bewegung der Heilpädagogik und inklusiven sozialen Entwicklung hat die Anschaung der Anthroposophie auf wunderbare Weise integriert und sie an die Bedürfnisse des Landes und der regionalen Standorte in Indien angepasst.
Die anthroposophische Heilpädagogik und inklusive soziale Entwicklung hat nicht nur dazu beigetragen, dass die biografischen Herausforderungen akzeptiert werden, sondern auch zu einem tieferen Verständnis des persönlichen Schicksals, des individuellen Selbst und der eigenen Lebensentscheidungen geführt. Das Konzept eröffnet Möglichkeiten, mit verschiedenen Aspekten des menschlichen Daseins zu arbeiten, darunter Ernährung, Natur, Körper und den Sinnen. Ein weiterer Fokus liegt auf der Veränderung und Anpassung der Umgebung, anstatt eine Veränderung des Kindes anzustreben. Den Lehrkräften werden Instrumente an die Hand gegeben, die ihnen ein Verständnis dafür vermitteln, dass die Arbeit an der eigenen Person von essenzieller Bedeutung ist, um ein förderliches Umfeld für den Unterricht und die Beziehungen zu den Lernenden zu gestalten. So konnten Initiativen im Bereich der Heilpädagogik und der inklusiven sozialen Entwicklung in ganz Indien etabliert werden. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Grundsätze der Heilpädagogik sowie der inklusiven sozialen Entwicklung im Allgemeinen und der Anthroposophie im Speziellen gewahrt bleiben. Obgleich die Auswirkungen unserer Tätigkeit nicht immer unmittelbar evident sind, sind sie doch stets vorhanden und manifestieren sich auf subtile Weise und in kleinen Schritten. Jeder kleine Tropfen macht einen Ozean!
Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit
Die Ergebnisse unserer Arbeit werden in der Öffentlichkeit überwiegend positiv wahrgenommen und geschätzt. Die Menschen sind oft beeindruckt von verschiedenen Aspekten unserer Arbeit. Dazu zählen beispielsweise die Ehrfurcht vor dem Kind, die Beziehungen untereinander, die Bereitstellung einer sinnvollen Beschäftigung für Erwachsene mit Assistenzbedarf, die Art und Weise der Raumpflege und weitere Faktoren. Die Bevölkerung honoriert die von uns angewandten Methoden, da sie die Resultate unserer Tätigkeit unmittelbar wahrnehmen kann. Mitunter wird von Außenstehenden die Frage gestellt, welche Maßnahmen ergriffen werden, um den beschriebenen Frieden in der Arbeit mit Menschen mit Assistenzbedarf zu erreichen. Dabei sind die Eltern unsere wichtigsten Fürsprecher und gelegentlich auch unsere Kritiker, da sie sich die Zeit nehmen, unsere Arbeitsweise zu verstehen. Auch seitens des Gesundheitssektors und der staatlichen Aufsichtsbehörden besteht ein Interesse daran, unsere Methoden kennenzulernen, da wir transparent arbeiten. Wir heißen sie herzlich willkommen. Die Öffentlichkeit kann die Liebe in den Beziehungen zwischen Lehrenden und Kindern sowie in der Beziehungspartnerschaft der Fachkräfte zu Erwachsenen mit Assistenzbedarf, welche ein Gefühl des Wohlbefindens in der Gemeinschaft schafft, nachvollziehen und nachempfinden.
Gleichwohl wird unser Konzept mitunter nicht in seiner Ganzheit erfasst, sodass wir uns in der Verantwortung sehen, unsere Arbeit noch aktiver zu kommunizieren und mehr Menschen dafür zu begeistern, damit unsere Initiativen auch in Zukunft Bestand haben können.
Herausforderungen
Die Arbeit in Indien ist vor allem in zweierlei Hinsicht eine Herausforderung: Einerseits gilt es, Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen, andererseits müssen Arbeitskräfte gewonnen werden. Die Arbeit im Bereich der Arbeit mit Menschen mit Assistenzbedarf wird nicht als lukrativer Beruf angesehen, weshalb eine Aufwertung des Sektors auf allen Ebenen erforderlich ist. Es gilt, die Zufriedenheit mit der Entlohnung zu steigern, die Möglichkeiten zur Verbesserung der beruflichen Qualifikationen zu optimieren und alle in diesem Gebiet Beteiligten aufzuwerten.
Bislang wurde lediglich der Grundkurs in Englisch angeboten, welcher seitens der indischen Regierung keine Anerkennung erfährt. Zudem sind die aus diesem Kurs resultierenden Zertifikate für die Arbeitssuche von geringem Wert. Aufgrund der geographischen und sprachlichen Größe des Landes steht die Schaffung einer einheitlichen Berufsausbildung vor einer besonderen Herausforderung.
Wie in anderen Ländern weltweit sind auch unsere Organisationen mit Personalproblemen konfrontiert. Aus den dargelegten Gründen halten wir es für erforderlich, die Ausbildung auch in den lokalen Sprachen anzubieten.
Das im Jahr 2018 etablierte Indian Forum for Inclusive Social Development (Avapanam) hat bereits eine Reihe von Programmen erfolgreich implementiert, die den zuvor genannten Anforderungen entsprechen. In den vergangenen fünf Jahren haben wir jährlich viertägige Klausuren durchgeführt, welche ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Vorträgen, Workshops und Möglichkeiten zum Austausch und zur Netzwerkbildung für alle Teilnehmenden bieten.
Avapanam hat gerade eine Reise begonnen und die höchste Priorität liegt in der Schaffung von Ausbildungsmöglichkeiten auf regionaler Ebene, die auch auf die nationale Ebene ausgeweitet werden sollen.
Foto: Avapanam