Die Frage nach dem Sinn

Gelebte Logotherapie im Dialog mit anthroposophisch-sozialen Handlungsfeldern

Autorin: Gabriele Scholtes, mit Beiträgen von Ferdinand Klein Verlag: Verlag am Goetheanum & ATHENA/wbv (2025)

 

 

In ihrem Buch unternimmt Gabriele Scholtes den verdienstvollen Versuch, das Werk des Wiener Psychiaters und Neurologen Viktor E. Frankl darzustellen und in einen Bezug zu anthroposophisch-sozialen Handlungsfeldern zu setzen. Frankl beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit der Frage nach dem Sinn der menschlichen Biografie und begründete damit die dritte Schule der Wiener Psychotherapie. Er grenzte sich mit seinem Konzept klar von Sigmund Freud und Alfred Adler, den beiden anderen Protagonisten der Wiener Schule, ab. Frankl beschäftigte sich mit der Sinnfindung, diese ist seiner Ansicht nach «jedem Menschen – unabhängig von Intelligenz, vom Bildungsgrad, der Geschlechtszugehörigkeit oder seinem Alter – gegeben» (S. 9). Diese Prämisse widerspiegelt auch den Grundgedanken der anthroposophischen Sozialtherapie. In ihrem Buch gelingt es Scholtes aufzuzeigen, wie Frankls Logotherapie und Existenzanalyse dem Ansatz der anthroposophischen Sozialtherapie verwandt sind und diesen in der Praxis unterstützen und ergänzen können.

Im ersten Teil geht Scholtes auf die bewegte Biografie Frankls ein: Er wurde 1905 in einer jüdischen Familie in Wien geboren, erlebte eine schöne Kindheit und studierte Medizin. Schon in jungen Jahren wurde er Direktor einer Klinik. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, verzichtete er aus Rücksicht auf seine Eltern auf eine Ausreise in die Vereinigten Staaten; er ließ sein Visum verfallen und musste darum in den folgenden Jahren vier verschiedene Konzentrationslager erleiden. Er selber überlebte die Entbehrungen und Strapazen, verlor aber einige ihm sehr nahestehende Menschen. Darum sind «Logotherapie und Existenzanalyse kein abstraktes Konzept, sondern inhaltlich Gedachtes und existenziell Erlebtes fallen in eins. Frankl hat seinen ideellen Entwurf selbst existentiell durchlitten und seine Erkenntnisinhalte sind eng mit seiner verkörperten Existenz verwoben» (S.11). Hoch geachtet stirbt Frankl 1997 in Wien. In dieser Stadt schließt sich sein Lebenskreis, der ihn in viele verschiedenen Länder geführt hatte. Im zweiten Teil stellt Scholtes die Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse dar: Hier geht sie im Speziellen auf die anthropologischen Grundlagen, den Sinnbegriff und die Wertekategorien ein. Im darauffolgenden Kapitel verknüpft die Autorin den Ansatz Frankls mit den menschenkundlichen Grundlagen der anthroposophischen Sozialtherapie und kann an verschiedenen konkreten Alltagsfragen nicht nur die Verwandtschaft der beiden Ansätze, sondern auch die sich gegenseitig bereichernden Impulse aufzeigen. Anschließend folgen zwei Beiträge von Ferdinand Klein. Der erste befasst sich mit praktischer Logotherapie und heilpädagogischem Handeln, der zweite mit den Grundlagen einer sinnorientierten Erziehung. In seinen Beiträgen erweitert Klein die Sichtweise; in seine Überlegungen bezieht er auch weitere Forscher wie Martin Buber, Aaron Antonovsky und Janusz Korcak mit ein. Den Abschluss der Publikation bilden Betrachtungen zum ‹Alt werden: eine Wanderschaft ins Ungewisse› und zu ‹Sinn und Konflikt: Selbsthilfe in Konflikten›, wobei sich der zweite Beitrag sehr stark an Friedrich Glasl orientiert. Es gelingt der Autorin, mit dieser Publikation aufzuzeigen, wie zeitgleich oder später begründete anthropologische Ansätze in verwandten Fachdisziplinen für die Gestaltung der praktischen Wirksamkeit in der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie bereichernd sind und das Handlungsfeld erweitern können. Die Selbstreflexion wird angeregt und man nimmt staunend zur Kenntnis, welcher Reichtum und welche Tiefe sich bei Frankl finden lassen. Seine vorbehaltlose Anerkennung der Sinnhaftigkeit jeden Lebens, seine Wertekategorien und seine Verknüpfung von Freiheit und Verantwortung bieten jedem Suchenden im Bereich der Begleitung von Menschen mit Unterstützungsbedarf wichtige Orientierungspunkte im Umgang mit fachlichen Fragestellungen. Wie Steiner im Heilpädagogischen Kurs misst Frankl dem Humor in der unterstützenden Begleitung von Menschen eine große Bedeutung bei; Humor ist für Frankl eine wichtige Grundlage der Logotherapie und das «unmittelbare, echte und ursprünglichste Attribut des Menschseins» (S.18).

Dieses Buch mit seinen verschiedenen Beiträgen über Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor E. Frankl ist interessant und lesenswert; es kann den eigenen Horizont für neue Betrachtungsweisen im Hinblick auf berufliche Aufgaben erweitern und vertiefen. Im ersten Teil des Buches finden sich leider vereinzelt Wiederholungen, die sich mit einem sorgfältigeren Lektorat hätten vermeiden lassen. Das schmälert den Gesamteindruck aber kaum und trotz dieser kleinen Einschränkung wünscht man dem Buch weite Verbreitung und eine interessierte Leserschaft.

Andreas Fischer
Andreas Fischer

(Infos folgen)