Die Reise von Camphill Korea begann im Jahr 2009, damals noch nicht als Camphill-Gemeinschaft, sondern als Waldorfschule. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus eine lebendige Gemeinschaft, in der heute rund dreißig Menschen – darunter Menschen mit Assistenzbedarf und Mitarbeitende – ihr tägliches Leben miteinander teilen. Für einen Außenstehenden mag Camphill Korea als eine von vielen Camphill-Gemeinschaften weltweit erscheinen. Was diese Camphill-Gemeinschaft jedoch so einzigartig macht, ist nicht nur die Umsetzung der Ideen von Rudolf Steiner, sondern auch der kulturelle Hintergrund, in dem die Gemeinschaft verwurzelt ist.
Korea ist seit jeher von einem tiefen Gemeinschaftsgeist geprägt. Dieser ist keine abstrakte Philosophie, sondern vielmehr ein gelebtes Erbe, das über Generationen hinweg durch das gemeinschaftliche Leben in diesem Land geprägt wurde. Gemeinschaft steht hier nicht nur für etwas, das wir aufbauen, sondern auch für etwas, das sich in unsere Erinnerung einprägt und das wir leiblich in uns tragen. Die Geschichte von Camphill Korea geht damit über eine bloße Übernahme einer europäischen Idee hinaus und steht vielmehr für eine Art Vereinigung der Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit der koreanischen Idee von gemeinsamer Verantwortung, Harmonie und gegenseitiger Abhängigkeit.
Die Wurzeln der Gemeinschaft in Ostasien
Um Camphill Korea zu verstehen, müssen wir zunächst einmal ein Verständnis davon bekommen, wie sehr die Definition von Gemeinschaft bereits im ostasiatischen Denken verankert ist. In der konfuzianischen Philosophie wird der Mensch nicht als isoliertes Individuum betrachtet, sondern als Knotenpunkt in einem Beziehungsgeflecht. Das Leben beginnt nach dieser Philosophie nicht mit Autonomie, sondern mit Ren (Güte und Mitgefühl) und Li (rituelle Handlungen). Diese beiden Worte mögen abstrakt klingen, beschreiben jedoch etwas zutiefst in der Praxis Verankertes. Ren ist die Eigenschaft, sich um andere zu kümmern, als wären sie ein Teil von einem selbst. Li ist der gemeinschaftliche Rhythmus des Lebens – Grußformeln, Gesten, Bräuche –, der die menschlichen Beziehungen zusammenhält. Aus dieser Philosophie heraus hat sich in der koreanischen Gesellschaft ein Weltbild entwickelt, in dem Identität immer in Beziehung steht: ‹Ich› bedeutet dabei niemals einfach nur ‹ich›, sondern immer ‹ich in Beziehung zu dir›. Das bedeutet, dass soziale Verantwortung nicht etwas ist, das hinzukommt, sondern etwas, das von Beginn an im menschlichen Fühlen verankert ist. Ein Kind lernt, sich respektvoll gegenüber Älteren zu verhalten, indem es sich vor ihnen verbeugt. Familien essen aus einer gemeinsamen Schüssel, anstatt jeder für sich von einem eigenen Teller. Und auch in der Sprache spiegelt sich dies wider: Die koreanische Grammatik selbst ändert sich je nach der Beziehung zwischen Sprechendem und Zuhörendem. Solche Praktiken formen eine kulturelle DNA, die das Leben in der Gemeinschaft als etwas Natürliches, ja sogar Unumgängliches erscheinen lässt. Während der westliche Individualismus oft die Frage «Wer bin ich?» in den Vordergrund stellt, beginnt die konfuzianische Perspektive mit der Frage «Wer ist mit mir?». Diese Grundhaltung fördert Kooperationsbereitschaft, Empathie und gemeinsame Verantwortung – ein fruchtbarer Boden für ein Leben in Gemeinschaft, und für das Camphill-Konzept. Zugleich kann diese Perspektive mit ihrer Tendenz, Meinungsverschiedenheiten zu vermeiden und Harmonie zu fördern – auch dann, wenn die Stimme eines Einzelnen gehört werden sollte –, auch ihre eigenen Spannungen hervorrufen.
Eine monistische Lebensanschauung
Über den Konfuzianismus hinaus wird die Wirklichkeit im ostasiatischen Denken oft als ein einziges, miteinander verbundenes Ganzes verstanden. Sowohl die daoistische als auch die buddhistische Tradition stellen das Konzept einer einheitlichen Natur des Lebens in den Mittelpunkt: Nichts existiert unabhängig vom Ganzen. In daoistischen Texten sind häufig auch Bilder aus der Natur zu finden. «Himmel und Erde entstehen mit mir zugleich, und alle Dinge sind mit mir eins.», schrieb der Philosoph Zhuangzi. Für einen westlichen Leser mag dies poetisch klingen, aber in der daoistischen Welt ist dies keine Metapher, sondern Wirklichkeit. So wie ein Fluss um einen Felsen fließt, ohne zu brechen, wird das Leben als Bewegung mit dem Strom der Welt verstanden, nicht gegen ihn. Freiheit ist damit die Fähigkeit, sich diesem Fluss anzupassen, anstatt ihn zu beherrschen. Im Buddhismus wird dieselbe Intuition durch das Prinzip der abhängigen Entstehung ausgedrückt: Alle Wesen können nur durch Beziehungen, durch Relationen entstehen. Ein Baum kann nicht ohne Erde, Wasser und Licht existieren; ein Mensch kann nicht losgelöst von Gemeinschaft, Geschichte und Umwelt existieren. Nichts ist in sich geschlossen; alles ist miteinander verwoben.
Diese Weltanschauung prägt die koreanische Kultur auf ganze subtile Weise. Vertrauen ist selbstverständlich und muss nicht erst ausgehandelt werden. Zusammenarbeit funktioniert ohne permanente Diskussionen. Die Menschen können ‹im Einklang miteinander› handeln und dabei intuitiv spüren, was die Gruppe braucht. Und es ist diese Wahrnehmungsfähigkeit, mit der die Vision von Camphill mit ihrer Ganzheitlichkeit und Wechselseitigkeit im koreanischen Umfeld so stark im Einklang steht.
Historische Formen des Gemeinschaftslebens
Die philosophischen Wurzeln der Gemeinschaft waren in den koreanischen Dörfern stets mit konkreten Handlungen verbunden. Lange vor der Entstehung moderner Gemeinschaftsstrukturen stützten sich die Menschen auf tief verwurzelte Traditionen der Zusammenarbeit, die das tägliche Leben prägten. Ein Beispiel hierfür ist Hyangyak, eine Art kommunaler Vertrag aus der Zeit des Konfuzianismus. Ab dem 15. Jahrhundert erstellten Gelehrte aus den Dörfern Verhaltenskodizes, die mehr als fünf Jahrhunderte lang das tägliche Leben bestimmen sollten. Diese Vereinbarungen umfassten die Fürsorge für die Armen, die gerechte Schlichtung von Streitigkeiten und den Respekt gegenüber Älteren. Tatsächlich entwickelten sich diese Verhaltensregeln zu einer Form der kommunalen Selbstverwaltung, die eher auf Vertrauen und moralischer Verpflichtung als auf externen Gesetzen beruhte. Ein weiteres Beispiel ist Gye, eine zirkulierende Kreditgemeinschaft, die als informelle Bank fungierte. Frühe Formen bestanden bereits vor über tausend Jahren, und zur Zeit der Joseon-Dynastie hatte sich dieses System unter Bauern und Händlern stark verbreitet. Nachbarn zahlten in regelmäßigen Abständen kleine Geldbeträge ein, und im Gegenzug erhielt jeder Einzelne eine größere Summe, wenn er an der Reihe der Auszahlung war. Über die Finanzen hinaus förderte Gye die Solidarität: Es war eine Form des sozialen Sicherheitsnetzes, eine Art zu sagen: «Wir stehen und fallen gemeinsam.» Dann gab es noch Pumasi, einen Austausch von Arbeitsleistung ohne Geld. Die Wurzeln dieses Konzepts reichen bis in die Zeit der frühesten Agrargemeinschaften Koreas vor fast zwei Jahrtausenden zurück. Wenn eine Familie Reis anpflanzen musste, kam das ganze Dorf zu Hilfe, in dem Wissen, dass morgen dieselben Hände da sein würden, um bei jemand anderem ein Dach zu bauen oder die Ernte für jemanden einzubringen. Dieser Rhythmus der Gegenseitigkeit hatte zur Folge, dass niemand allein mit Schwierigkeiten fertig werden musste. Zeit und Energie flossen wie eine gemeinsame Währung durch die Gemeinschaft.
Diese Praktiken waren keine Randerscheinungen, sondern integraler Bestandteil des Lebens. Die Tatsache, dass Hyangyak über 500 Jahre lang Bestand hatte, dass Gye mehr als ein Jahrtausend lang existierte und dass die Praxis von Pumasi fast zweitausend Jahre zurückverfolgt werden kann, zeigt, wie tief das Gemeinschaftsleben in der koreanischen Kultur verwurzelt ist. Gemeinschaft ist in Korea kein neues Konzept, sondern ein zivilisatorisches Erbe, das über Generationen hinweg still und leise weitergegeben wurde.
Die Herausforderungen der Moderne
Keine Tradition kann jedoch unverändert erhalten bleiben. In den letzten fünfzig Jahren hat Korea einen der rasantesten Transformationsprozesse weltweit durchlaufen. Schnelle Industrialisierung, unaufhaltsames Wachstum der Städte und der Druck des globalen Kapitalismus: Gemeinschaftliche Rhythmen, die einst selbstverständlich schienen, wurden dabei stark beeinträchtigt oder sind ganz verschwunden. In Städten leben Nachbarn in Hochhäusern übereinandergestapelt, oft ohne die Namen der anderen zu kennen. Bildung und Erwerbstätigkeit werden mit großer Intensität verfolgt, jedoch oft auf Kosten des Gemeinschaftslebens. Erfolg wird an Geschwindigkeit, Produktivität und Wettbewerb gemessen – und lässt wenig Raum für die langsamere Arbeit der Gemeinschaft. Und doch ist die Sehnsucht nach Verbundenheit nicht verschwunden und taucht insbesondere in Zeiten nationaler Krisen wieder auf: mit Kerzenlicht-Mahnwachen, die in Zeiten politischer Unruhen die Straßen füllen, oder gemeinsamen Freiwilligenaktionen nach Naturkatastrophen. In solchen Momenten entdecken die Menschen die alte Wahrheit wieder, dass die Kraft des Lebens stärker ist, wenn man es gemeinsam lebt.
Diese Gegensätze verdeutlichen, warum die Arbeit von Camphill Korea nicht nostalgisch, sondern absolut zeitgemäß ist. Gemeinschaft bedeutet hier nicht, eine romantisierte Vergangenheit wiederaufleben zu lassen, sondern eine Fähigkeit wiederzuentdecken, die im modernen Leben in Vergessenheit geraten ist. Die Frage ist nicht, ob die Menschen in Korea gemeinschaftlich leben können – das haben sie über Jahrhunderte hinweg getan –, sondern ob wir uns daran erinnern können, wie wir diese Fäden in der Gegenwart wieder miteinander verweben können.
Camphill als Erneuerung
In diesem Sinne ist Camphill Korea weniger eine Innovation als vielmehr eine Erneuerung. Das Leben im Dorf basiert nicht auf Effizienz, sondern auf Beziehungen. Menschen mit Assistenzbedarf und Mitarbeitende teilen die täglichen Aufgaben, Feste und Entscheidungen miteinander. In diesem Rhythmus wird Steiners Prinzip der Sozialen Dreigliederung lebendig: Freiheit im kulturellen Schaffen, Gleichheit in den Rechten und in der Mitwirkung, Brüderlichkeit in der gemeinschaftlichen Arbeit. All dies funktioniert nicht ohne Schwierigkeiten, aber es fühlt sich vertraut an, als würde eine alte Erinnerung wieder lebendig. Was hier erneuert wird, ist nicht nur eine Form der Organisation der täglichen Arbeit, sondern ein über lange Zeit verschüttetes kollektives Gedächtnis. Camphill erinnert uns daran, uns nicht nur zu fragen, wie effizient wir leben, sondern auch, wie sinnvoll wir zusammenleben: wie Würde vielmehr durch Beziehungen als durch Systeme gewahrt wird und wie Zugehörigkeit mehr aus gegenseitiger Anerkennung als aus Versorgungsleistungen heraus entsteht. So gesehen weist Camphill auf eine neue Vorstellung von sozialer Fürsorge in Korea hin – nicht als Dienstleistung, sondern als gemeinsames Gefüge von Fürsorglichkeit, in dem Arbeit, Feiern und Verantwortung gemeinsam getragen werden. In Korea fühlt sich diese Erneuerung weniger wie eine Erfindung von etwas Neuem an, sondern vielmehr wie eine Rückbesinnung auf alte Formen der Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit, die einst das Dorfleben geprägt haben. Sie definiert die Unterstützung von Menschen mit Assistenzbedarf neu als eine Angelegenheit der Gemeinschaft und nicht als bloße Kategorie, als gemeinsames Leben und nicht als verwaltete Dienstleistung. Was daraus hervorgeht, ist eine gesellschaftliche Haltung des ‹Wir›, die der modernen Isolation begegnen kann, ohne die Individualität dabei auszulöschen. Camphill erneuert somit etwas Wesentliches, das seit jeher vorhanden war und nur darauf wartete, wieder gelebt zu werden. Diese Erneuerung steht nicht für sich allein. Sie steht im Einklang mit einer breiteren Bewegung, die derzeit in Korea Fuß fasst. Im September 2024 fand die erste anthroposophische Landesversammlung in Korea statt, die zur Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft in Korea führte. Dies stellt einen Wendepunkt dar: Die Anthroposophie besteht nicht mehr länger nur aus einer Reihe vereinzelter Initiativen, sondern ist eine anerkannte Bewegung, die in der koreanischen Kultur verwurzelt ist. Für Camphill Korea ergibt sich daraus ein größerer Kontext, der die tägliche Praxis des Gemeinschaftslebens mit einer landesweiten Suche nach spiritueller und sozialer Erneuerung verbindet.
Die Geschichte von Camphill Korea
Die Geschichte von Camphill Korea selbst spiegelt dieses Muster der Erneuerung wider. Den Samen dafür legte die Kunststudentin Eunyoung Kim, die durch ihre ehrenamtliche Arbeit mit jungen Menschen mit Autismus in den 1990er Jahren die Waldorfpädagogik und die Anthroposophie entdeckte. Fasziniert von der Veränderung, die sie dabei erlebte, gab sie im Alter von vierzig Jahren ihre Lehrtätigkeit auf, um in Deutschland zu studieren, und verbrachte schließlich eine prägende Zeit in Newton Dee, einer der Camphill-Gemeinschaften in Schottland. Dort erlebte sie, was sie später als «ein Leben voll von Würde und Freude» beschrieb – eine Lebensweise, die sie unbedingt nach Korea zurückbringen wollte. Nach ihrer Rückkehr versammelte sie Kolleg:innen und Eltern um sich herum, die ihre Vision teilten. Im Jahr 2009 eröffneten sie die Yangpyeong Steiner School, zunächst in einem gemieteten Gästehaus mit nur einer Klasse. Die Schule wuchs schnell und wurde so nicht nur zu einem Bildungsort, sondern auch zum Kern einer zukünftigen Gemeinschaft. Angesichts der dringenden Frage, wie junge Menschen mit Entwicklungsschwierigkeiten als Erwachsene leben sollten, verkaufte Kim 2015 ihr eigenes Haus, um Land in Yangpyeong zu kaufen. Mit Hilfe von Kolleg:innen, Eltern und Geldgeber:innen legten sie den Grundstein für das, was heute Camphill Korea ist.
Das erste Haus, Acorn House, wurde 2018 eröffnet. Sein Entstehen war nicht das Ergebnis abstrakter Planung, sondern dringender menschlicher Notwendigkeit. Ein junger Hochschulabsolvent, Seungmin Oh, pendelte seit Langem mit seiner Mutter zwischen Seoul und Yangpyeong. Nachdem seine Mutter bei einem Verkehrsunfall verletzt worden war, wurde der Gemeinschaft klar, dass weiteres Abwarten keine Option mehr war. Acorn House begann mit Seungmin und einem jungen Kollegen, Jaeyong Choi, der den Camphill-Impuls während eines Auslandsaufenthalts kennengelernt hatte. Was mit zwei Personen begann, entwickelte sich bald zu einem gemeinsamen Zuhause für sechs Menschen mit Assistenzbedarf und vier Mitarbeitende, getragen durch die offizielle Anerkennung als Wohngemeinschaft. Von da an wuchs die Gemeinschaft weiter. Im Jahr 2021 wurde das Tagesprogramm Nuri eröffnet, das Backen, Töpfern, Holzarbeiten, Handarbeiten und therapeutische Landwirtschaft umfasst. Heute stützt sich Camphill Korea auf drei Säulen: Wohneinrichtungen, Werkstätten und Bildungszentren. Rund zwanzig Menschen mit Assistenzbedarf und fünfzehn Mitarbeitende leben und arbeiten hier zusammen und bemühen sich, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen mit und ohne Assistenzbedarf gemeinsam und ohne Trennung miteinander leben können. Die Geschichte von Camphill Korea zeigt, wie der Impuls von Steiner und König in Korea verwirklicht werden kann: durch Opferbereitschaft, durch Vertrauen und durch die Überzeugung, dass die Zeit und das Leben eines jeden Menschen wertvoll sind.
Zwischen Kollektivismus und Freiheit
Gleichzeitig bringt das kollektivistische Erbe Koreas eigene Spannungen mit sich. Harmonie wird hochgeschätzt, manchmal jedoch auf Kosten der Autonomie. Es ist leicht, Frieden mit Schweigen zu verwechseln. Für Camphill Korea erwächst daraus eine anspruchsvolle Aufgabe: einerseits den Gemeinschaftsgeist zu würdigen und andererseits die Stimme des Einzelnen zu achten. Dies ist kein Problem, das ein für alle Mal gelöst werden muss, sondern ein Rhythmus, der täglich geübt werden muss. Diese Spannung zeigt den tiefgreifenden Dialog zwischen der spirituellen Ausrichtung von Camphill und der gemeinschaftlichen Philosophie Koreas. In «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» (1919, GA 23) schreibt Rudolf Steiner, dass Geistesleben nur dann gedeihen könne, wenn es unabhängig sei, wenn es auf seinem eigenen Boden der Freiheit stehe. Für ihn ist jeder Mensch ein ewiges Geistwesen, und eine wahre Gemeinschaft muss einem jedem Menschen ermöglichen, die damit verbundene innere Freiheit zu entfalten. Im Gegensatz dazu setzt die konfuzianische Lehre seit langer Zeit das Hauptaugenmerk auf die Beziehung. So erinnern uns die sogenannten Analekten daran, dass 仁 Ren darin besteht, andere zu lieben, und dass Harmonie der kostbarste Wert von rituellen Handlungen ist. Nach dieser Auffassung wird das Selbst nicht isoliert gebildet, sondern durch Pflicht, Respekt und Harmonie innerhalb der Gruppe geformt. Auf den ersten Blick scheinen diese beiden Konzepte gegensätzlich zu sein: Das eine priorisiert Freiheit, das andere ein gemeinschaftliches Zusammenleben. Wenn man sie jedoch zusammen betrachtet, eröffnen sie ein neues Feld von Möglichkeiten. Steiner drückte dieses Paradox in seinem «Motto der Sozialethik» so aus: «Heilsam ist nur, wenn im Spiegel der Menschenseele sich bildet die ganze Gemeinschaft, und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft.» Camphill Korea möchte genau einen solchen Ort schaffen – wo Freiheit nicht abstrakte Unabhängigkeit bedeutet, sondern den Mut, die eigene Persönlichkeit in Beziehungen einzubringen. Und Harmonie ist dabei nicht länger passive Konformität, sondern die Kunst, viele Stimmen zu einem Lied zu verweben.
Dieser Knotenpunkt legt nahe, dass die Zukunft der Gemeinschaft nicht in der Entscheidung zwischen Autonomie und Solidarität liegt, sondern darin, ihren gemeinsamen Tanz zu erlernen. Die spirituelle Tiefe der Anthroposophie und das kulturelle Gedächtnis des koreanischen Gemeinschaftslebens können zusammen eine Vision von Gemeinschaft bieten, die sowohl universell als auch zutiefst auf lokaler Ebene verankert ist – in der Tradition verwurzelt und dennoch offen für Veränderungen.

Die Grundsätze der Sozialen Dreigliederung leben
Camphill Korea ist heute bestrebt, die Prinzipien der Sozialen Dreigliederung auf eine Weise zu verwirklichen, die sowohl Steiners Vision als auch der koreanischen Kultur gerecht wird. Im kulturellen Leben werden Feste und künstlerische Ausdrucksformen mit allen gemeinsam gestaltet. Im sozialen Leben sorgen Zusammenkünfte der Gemeinschaft dafür, dass jede Stimme gehört und respektiert wird. Im wirtschaftlichen Leben wird die Arbeit nach persönlicher Beteiligung und nicht nach Produktivität verteilt, und es wird ein gemeinsamer ‹Topf› geschaffen, in den diejenigen, die mehr haben, zum Wohle aller einzahlen. Diese Bemühungen sind nicht vollkommen, aber sie werden aufrichtig gelebt. Der vielleicht tiefste Ausdruck dieses kulturellen Dialogs zeigt sich darin, wie wir einander ansprechen. In Korea betonen Anredeformen für gewöhnlich Hierarchien oder Rollen. In unserer Gemeinschaft haben wir uns jedoch dafür entschieden, uns einfach nur einander beim Namen zu nennen. Diese einfache Veränderung unterstreicht, dass wir in erster Linie keine ‹Lehrpersonen› oder ‹Patientinnen› und auch keine ‹Dienstleister› oder ‹Kundinnen› sind, sondern Menschen, die anderen Menschen begegnen. Wie ein koreanischer Dichter einmal schrieb: «Als er meinen Namen rief, kam er zu mir und wurde zu einer Blume.» Dies ist nicht nur eine poetische Geste, sondern ein Zeichen kulturellen Wandels. Indem wir einander beim Namen nennen, geben wir dem Menschen seine Würde zurück, jenseits von Rollen und Etiketten. Dies soll uns täglich daran erinnern, dass die Grundlage einer Gemeinschaft nicht Effizienz oder Konformität ist, sondern gegenseitige Anerkennung. Die Arbeit von Camphill Korea ist noch jung, und es gibt noch zahlreiche Herausforderungen. Doch genau darin liegt ihre Bedeutsamkeit: Daran wird deutlich, dass es auch in einer schnelllebigen, wettbewerbsorientierten Gesellschaft möglich ist, sich auf andere Rhythmen zu besinnen. Es ist möglich, ein Leben aufzubauen, in dem Fürsorge, Gleichheit und Freiheit keine Ideale auf dem Papier sind, sondern gelebte Praxis am Tisch, im Garten, im Gesprächskreis. Auf diese Weise ist Camphill Korea mehr als nur eine einzelne Gemeinschaft in Yangpyeong. Es ist Teil eines umfassenderen Dialogs – zwischen Ost und West, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Harmonie und Freiheit. Seine Geschichte zeigt, dass Gemeinschaft nicht etwas ist, das wir neu erfinden müssen, sondern etwas, das wir von Neuem lernen müssen zu leben.
Und im Zentrum von alldem steht – so einfach wie ein mit Sorgfalt ausgesprochener Name – der Mensch.
Übersetzung aus dem Englischen: Karin Gaiser
Foto: Camphill Korea