Kunst, Trauma und das Wiedererwachen des Willens

Gemeinsamschaftliches Forschungsprojekt bei Compass Arts, GB

«Die Bedeutung der Künste liegt darin, dass sie den Willen (1) stärken. Ein Mangel an Willenskraft wird mit psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht …» Fenya Sharkey

Seit zwölf Jahren fördert Compass Arts bewusst eine generationsübergreifende Gemeinschaft mit Erwachsenen, die unter schweren psychischen Erkrankungen, Neurodiversität und unausgesprochenen Traumata leiden. Durch expressive und konzeptuelle Kunst hat Compass ein einzigartiges therapeutisches Umfeld geschaffen. Es ist mehr als ein Wellness-Programm. Es ist ein zeitgenössischer Ausdruck dessen, was Rudolf Steiner als «freies Geistesleben» bezeichnet hat, in dem Kreativität und Gemeinschaft die schrittweise Erneuerung des Selbst ermöglichen (Steiner, 1993).

Eine freie internationale Universität entsteht

Im Jahr 2023 gründete eine kleine Gruppe der Compass-Gemeinschaft eine Freie Internationale Universität (FIU) und trifft sich regelmäßig montags und mittwochs vormittags. Diese Initiative wurde von Joseph Beuys' sozial-skulpturalen Experimenten inspiriert und steht im Einklang mit einem frühen Pionier der Anthroposophie in Großbritannien, Daniel Dunlop, und seinem biografischen Impuls hin zu einer spirituell wachen Zivilkultur, in der moralische Vorstellungskraft und innere Verantwortung das soziale Leben prägen (Beuys und Harlan, 1993; Meyer, 1987). Innerhalb dieser Ausrichtung begannen die Mitglieder der Compass FIU, sich nicht mehr als Patient:innen, sondern als Künstler:innen zu identifizieren, deren Innenleben, Vorstellungskraft und Biografie zu Material für gemeinsame Untersuchungen werden konnten. Compass erhielt eine kleine Förderung aus dem Programm ‹Making It Happen› des East Sussex County Council, um zu zeigen, dass es sich um eine forschende Gemeinschaft handelt. In dieser Rolle stellte die FIU eine zentrale Frage, die sich aus dem Dialog ergab: «Welche kulturellen Normen prägen die Erfahrung schwerer psychischer Erkrankungen, und wie können wir die kostspieligen Folgen dieser Normen durch Kunst und Reflexion verändern?» Dies war nicht als Forschungsprojekt im traditionellen akademischen Sinne konzipiert. Vielmehr entwickelte es sich organisch als künstlerische Antwort auf das, was die Gemeinschaft bereits wahrnahm, ausdrückte und lebte.

Ein dialogbasierter Ansatz zum Verständnis

Die Untersuchung erfolgte im Rahmen eines Bohmschen Dialogs, einer kollektiven und nicht-hierarchischen Methode, die dem Goetheanischen Gespräch nachempfunden ist. Das Ziel bestand nicht darin, eine Einigung zu erzielen, sondern einander bewusst wahrzunehmen, das gemeinsame Verständnis zu vertiefen und den spirituellen Organismus der Gruppe sowie dessen Verbindung zum umfassenderen kulturellen Phänomen des unausgesprochenen Traumas aufzudecken (Bohm, 1996). Über einen Zeitraum von sechs Monaten trafen sich zehn FIU-Mitglieder zweimal wöchentlich, um ihre Biografien, die soziale Betreuung, die sie erhalten haben, und die Ausgrenzung, mit der sie als Erwachsene mit Symptomen eines komplexen Traumas leben, zu erforschen. Diese Erfahrungen werden in künstlerische Reaktionen und Gesten umgesetzt. Kunst wird so sowohl zu einer Methode als auch zu einer Form der Medizin. Eine zentrale Erkenntnis kam dabei zum Vorschein: Viele Teilnehmer:innen lebten nicht nur mit diagnostischen Kategorien, sondern auch mit den Nachwirkungen eines kumulativen Beziehungstraumas. Diese hatten ihren Ursprung oft in der Kindheit oder in prägenden Beziehungen, in denen Abhängigkeit, Zwang und emotionale Auslöschung miteinander verschmolzen. Die aktuelle Traumaforschung beschreibt in ähnlicher Weise, wie ein lang anhaltendes Beziehungstrauma die Handlungsfähigkeit, die Verkörperung und die Selbstregulation stört (van der Kolk, 2014). Um diese Erfahrung zu beschreiben, übernahm die FIU den Begriff «nicht normativ». Diese Bezeichnung spiegelt traumabedingte Behinderungen wider, die nicht einfach klinische Zustände sind, sondern Ausdruck tiefer seelischer Verletzungen und unterdrückter Selbstheit. Ein Mitglied beschrieb den nicht-normativen Zustand als «freiwillige Auslöschung der Persönlichkeit», die als Überlebensstrategie eingesetzt wird. Dies steht im Einklang mit Steiners Ansicht, dass frühe Lebensverletzungen die Ich-Organisation fragmentieren und die moralische Handlungsfähigkeit trüben können (Steiner, 1994).

Wiederherstellung statt Zugang

Anstatt sich auf die in der Gleichstellungspolitik geläufige Zugang-orientierte Sprache zu stützen, betont Compass die Wiederherstellung: den schrittweisen, von Gleichaltrigen geleiteten Wiederaufbau der Selbstheit und der Willensfähigkeit. Bei diesem Ansatz beginnt echte Heilung nicht mit Ansprüchen oder Anpassungen, sondern mit dem Wiedererwachen des Ichs, das durch Krankheit zwar verdeckt, aber niemals vollständig ausgelöscht werden kann. Dieses Verständnis steht im Einklang mit Steiners Auffassung von Freiheit als einer inneren ethischen Aktivität und nicht als einer von außen gewährten Bedingung (Steiner, 1994).

Liebesbriefe an das System

Eines der auffälligsten künstlerischen Ergebnisse des FIU-Prozesses waren die Liebesbriefe an das System. Diese Briefe, die an Fachleute innerhalb der Gesundheitsstrukturen adressiert sind, enthalten sowohl Dankbarkeit als auch Trauer. Sie entspringen der Sehnsucht, sich ganz menschlich zu begegnen.

Ein FIU-Mitglied schrieb: «Sie sind für meine Dorothy zum Zauberer von Oz geworden … schwer fassbar, nicht wirklich da, versteckt hinter einer Fassade. Aber ist Ihnen nicht klar, dass Ihre Menschlichkeit Ihre Größe ausmacht?» Das ist keine Beschwerde. Es ist eine Aufforderung, die Kluft zwischen Patient:in und Arzt/Ärztin zu schließen. Als die FIU Antworten von Mitarbeitenden des Gesundheitswesens erhielt, stellte sie fest, dass das Personal oft genauso verzweifelt über das System war wie die Patient:innen selbst. Es zeigte sich eine gemeinsame Erkenntnis, dass die heutigen Versorgungsstrukturen, die auf Risikovermeidung und Rechtssicherheit ausgelegt sind, beiden Seiten unbeabsichtigt die Entscheidungsfreiheit nehmen. Die Mitarbeitenden können ihr natürliches menschliches Urteilsvermögen und ihre Reaktionsfähigkeit nicht einbringen, und die Patient:innen sind auf genau diese menschliche Reaktion angewiesen, um eine sinnvolle Versorgung zu erhalten. Die Liebesbriefe offenbaren dieses Paradoxon: ein Gesundheitssystem, das allen Beteiligten schadet, und auf beiden Seiten die Sehnsucht nach einer Arbeitsweise, die authentischen Willen und Empathie in die Begegnung einfließen lässt. Dieses Paradoxon spiegelt Beuys' Beharren darauf wider, dass Kunst als heilende Kraft innerhalb beschädigter sozialer Systeme wirken muss, um menschliches Urteilsvermögen, Würde und Verantwortung dort wiederherzustellen, wo bürokratische Formen versagen (Beuys und Harlan, 1993).

Eine spirituelle Ökologie von Trauma und Erneuerung

Der Ansatz von Compass widmet sich dem, was man als spirituelle Ökologie des Traumas bezeichnen könnte. Anstatt Individuen zu pathologisieren oder sie von ihrer Biografie zu trennen, erkennt die FIU die kollektive Dimension von Verletzungen an, insbesondere solche, die durch intime oder familiäre Verrat entstanden sind. Die Teilnehmenden beschrieben, wie Traumata die Fähigkeit, Liebe zu empfangen, stören, eine tiefgreifende Hypervigilanz auslösen und das innere Gefühl für Recht und Richtigkeit zusammenbrechen lassen können. Sie stellten auch fest, dass bestehende Systeme, obwohl sie gut gemeint sind, oft erneut traumatisieren, indem sie normative Erwartungen auf nicht-normative Erfahrungen anwenden. Kulturelle Kritiken der Moderne argumentieren in ähnlicher Weise, dass die Kunst eine ethische und relationale Rolle zurückgewinnen muss, um Fragmentierung und Entfremdung entgegenzuwirken (Gablik, 1991). Steiner schrieb, dass Krankheit entstehen kann, wenn die Entwicklungsbedürfnisse der Seele nicht erfüllt werden, und dass Heilung die Wiederherstellung einer sinnvollen Bewegung innerhalb der Biografie beinhaltet (Steiner, 1993). Bei Compass findet diese Bewegung durch Malen, Textilarbeiten, Schreiben, Fotografieren und Klang statt, nicht als Therapiesitzungen, sondern als Grundlage für Wahrheitsfindung und Werden. Die Ateliers sind keine ‹safe spaces›, weil sie kontrolliert werden. Sie sind sicher, weil sie von künstlerischer Absicht, Wärme und einem gemeinsamen Bekenntnis zur Präsenz erfüllt sind.

Fazit: Von der Untersuchung zur inneren Bewegung

Die Arbeit der FIU ist für Praktiker:innen und politische Entscheidungsträger:innen relevant, spricht aber auch ein tieferes kulturelles Bedürfnis an: die Neugestaltung von Räumen, in denen das Seelenleben gesehen, gehört und gewürdigt werden kann. Das Nicht-Normative ist keine Anomalie. Es ist ein Spiegel, der offenbart, wie unsere sozialen Formen oft Komplexität, Verletzlichkeit und die langsame Arbeit des Menschwerdens unterdrücken. Wie Dunlops Biografie zeigt, hängt kulturelle Erneuerung nicht allein von Systemen ab, sondern von Individuen, die bereit sind, moralische Verantwortung in das bürgerliche Leben zu tragen (Meyer, 1987). Die Arbeit der FIU bestätigt, dass dort, wo Kunst Einzug hält, der Wille wieder entfacht wird, und wo der Wille zurückkehrt, ein Gefühl von Würde, Persönlichkeit und Zukunft wieder zu wachsen beginnt.


Bilder: Compass Arts / FIU

 

Fußnoten:

(1) Willenskraft (im Engl. Original: ‹volition›) und Handlungsfähigkeit sind austauschbar und beziehen sich hier auf die innere Fähigkeit zu selbstbestimmtem Willen, Absicht und sinnvollen Entscheidungen, verstanden als sowohl psychologische als auch spirituelle Fähigkeit.

 

Literatur:

Beuys, Joseph (1993). What Is Art? [Was ist Kunst?] Edited by Harlan, Volker. Forest Row: Clairview Books.

Bohm, David (1996). On Dialogue. [Über Dialog] London: Routledge.

Gablik, S. (1991). The Reenchantment of Art. [Die Wiederverzauberung der Kunst] London: Thames & Hudson.

Meyer, Thomas (1987). D.N. Dunlop: A Man of Our Time. [D .N . Dunlop: Ein Mann unserer Zeit] Forest Row: Temple Lodge Publishing.

Steiner, Rudolf (1994). The Philosophy of Freedom. [Die Philosophie der Freiheit] Forest Row: Rudolf Steiner Press.

Steiner, Rudolf (1993). Towards Social Renewal: Rethinking the Basis of Society [Soziale Erneuerung: Die Grundlage der Gesellschaft neu denken] Forest Row: Rudolf Steiner Press.

van der Kolk, B.A. (2014). The Body Keeps the Score: Brain, Mind, and Body in the Healing of Trauma. [Das Trauma in dir] London: Penguin.

Fenya Sharkey
Fenya Sharkey

Fenya Sharkey ist Leiterin von Compass Arts, einer in Großbritannien ansässigen Gemeinschaftskunst-Organisation. Ihre Arbeit konzentriert sich auf kunstbasierte, ressourcenorientierte Ansätze für die soziale Arbeit mit Erwachsenen, die unter psychischen Erkrankungen, Traumata und sozialer Ausgrenzung leiden. Sie ist Mitglied der britischen Delegation für die Sektion für Sozialwissenschaften am Goetheanum.