Zusammenleben wollen

Ein Porträt von drei sozialtherapeutischen Gemeinschaften: Lebenswirklichkeit, Entwicklungsfragen und Aspekte der Teilhabe

Autor:innen: Ioana Viscrianu, Johannes Kronenberg, Ruth Fiona Roever

Verlag: Verlag am Goetheanum & Athena Verlag 2024

 

 

Die von einem Forschungsteam der Jugendsektion am Goetheanum herausgegebene Publikation widmet sich dem Konzept des gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Dabei fokussiert sie sich auf die komplexe Thematik der Gemeinschaftsbildung, die insbesondere vor dem Hintergrund der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) eine hochaktuelle Debatte darstellt. Die Perspektive der UN-BRK betont die anthropologische Konstitution des Individualismus sowie die Relevanz persönlicher Entfaltung und betrachtet das Leben in Gemeinschaften potenziell als Bedrohung für die Maximen der Selbstbestimmung, Partizipation und Inklusion. In diesem Kontext werden drei verschiedene Lebensgemeinschaften vorgestellt und ihre Praktiken im Alltags- und Arbeitsleben beleuchtet. Es sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass die Studie sich bewusst gegen eine Bewertung ausspricht, inwiefern die gesetzlichen Anforderungen an Inklusion erfüllt sind oder sein sollten, da der Fokus vielmehr auf den Gemeinschaften selbst liegt. Im Rahmen der Untersuchung besuchte das Forschungsteam die Gemeinschaften für mehrere Tage. Die Besuche wurden als Gelegenheit genutzt, die Gemeinschaften als soziale ‹Laboratorien› bzw. ‹Experimente› zu betrachten, in denen neue Formen des sozialen Zusammenlebens erforscht und erprobt werden. Während dieser Zeit führten die Forschenden Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern sowohl mit als auch ohne Assistenzbedarf und organisierten themenbezogene Diskussionsrunden. Ein wesentliches Element der Forschungsmethode war die teilnehmende Beobachtung. Ein gemeinsames Merkmal der untersuchten Gemeinschaften ist das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Assistenzbedarf in familienähnlichen Wohngruppen oder sogenannten Wahlfamilien. Dies wirft die Frage auf, ob eine mögliche Überbetonung von Nähe und Zugehörigkeit die Lebensrealitäten der Beteiligten beeinflusst, indem es die partizipative Gestaltung und die Übernahme von Verantwortung möglicherweise in den Hintergrund drängt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Befragten bewusst für diese Art des Zusammenlebens optieren. Zugleich sind sie sich der Chancen und Risiken, die Nähe und Zugehörigkeit mit sich bringen, bewusst und zeigen sich offen für die notwendigen Reflexionsprozesse, einschliesslich der Berücksichtigung externer Perspektiven. Dieses Buch kann als äusserst lesenswert empfohlen werden, da es nicht nur faszinierende Einblicke in das Leben innerhalb dieser Gemeinschaften gewährt, sondern auch dazu anregt, die aktuellen Paradigmen der sozialen Arbeit aus einer erweiterten Perspektive heraus zu hinterfragen.


 

Gabriele Scholtes
Gabriele Scholtes

(Infos folgen)