Die Geschichte von Yurdum begann Tausende von Kilometern von Aserbaidschan entfernt.
Im Jahr 2023 arbeitete ich als Freiwillige bei Camphill Rozkalni in Lettland. Es war eine einzigartige und prägende Erfahrung: Zum ersten Mal hatte ich die Gelegenheit, eng mit Menschen mit geistigen und entwicklungsbedingten Besonderheiten zusammenzuleben und zu arbeiten und eine inklusive Gemeinschaft nicht nur als Dienstleistung, sondern als Lebensweise zu erleben.
Während dieser Zeit lernte ich Dr. Zarema Yagizarova kennen, eine anthroposophische Ärztin. Sie erzählte mir von einigen ihrer ehemaligen Kolleg:innen, pensionierten Ärzt:innen, die eine Idee für eine Camphill-ähnliche Gemeinschaft in Aserbaidschan entwickelten. Die Idee fand sofort Anklang bei mir, und ich schloss mich ihnen an, zusammen mit Dr. Firangiz Huseynova, Dr. Teymur Huseynov und anderen, die daran arbeiteten, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen.
Als ich nach Baku zurückkehrte, stellten wir dem Leiter des Amts für Sozialdienste das Projekt ‹Soziales Ökodorf Yurdum› vor. Ich erinnere mich noch gut an einen eindrucksvollen Moment bei diesem Treffen. Während unserer Präsentation beschrieb ich meine Erfahrungen in Lettland, unter anderem, wie wir gemeinsam mit Menschen mit Assistenzbedarf in den Gärten und auf den Gemüsefeldern arbeiteten. Der Beamte fragte: «Was machen sie dort? Werden kranke Menschen ausgebeutet, indem man sie zur Arbeit zwingt?» Diese Frage ließ mich nicht los. Sie zeigte, wie unterschiedlich Inklusion in verschiedenen sozialen Kontexten verstanden werden kann. In Aserbaidschan werden Menschen mit Behinderungen traditionell mit Fürsorge und Schutz umgeben. Diese Haltung entspringt oft Liebe und Freundlichkeit, doch manchmal kann aus Schutz Überbehütung werden, begleitet von Mitleid oder geringen Erwartungen. Meine Erfahrung bei Camphill hat mich etwas anderes gelehrt: Einen Menschen zu unterstützen bedeutet nicht, alles für ihn zu tun. Wenn Menschen die Möglichkeit erhalten, sich entsprechend ihren Fähigkeiten einzubringen, können sie sich als wertvolle Mitglieder der Gemeinschaft erfahren. Sinnvolle Tätigkeit kann Selbstvertrauen, Verantwortungsbewusstsein, Unabhängigkeit und Würde stärken.
Mein Jahr in Rozkalni hat mich tiefgreifend verändert. Ich habe gelernt, dass eine inklusive Gemeinschaft nicht einfach darin besteht, dass eine Gruppe einer anderen eine Dienstleistung erbringt. Jeder hat etwas zu geben, und jeder verändert jeden anderen. Ich habe Empathie, Geduld und die Bedeutung der Präsenz im Alltag gelernt. Ich erinnere mich noch gut an Kaspars, der jeden Morgen um sechs Uhr den Frühstückstisch deckte und mich mit demselben fröhlichen «Labrit» – Guten Morgen – begrüßte. Ein so kleines tägliches Ritual hat mir gezeigt, dass ein ganz gewöhnlicher Morgen zu etwas Besonderem werden kann, wenn man ihn gemeinsam erlebt.
Nach unserer Rückkehr nach Aserbaidschan unternahmen wir die ersten Schritte, um unsere Vision Wirklichkeit werden zu lassen.
Am 12. April 2024 wurde Yurdum als inklusive Tagesstätte der NGO Humayun in einem alten zweistöckigen Wohnhaus im Zentrum von Baku eröffnet. Wir begannen mit einem Teilnehmer. Heute bringt Yurdum 15 Teilnehmer:innen, sieben Mitarbeitende und Freiwillige zusammen. Yurdum wurde durch das Engagement vieler Menschen geprägt, darunter Dr. Firangiz Huseynova, Leiterin der NGO Humayun, die anthroposophische Ärztin Dr. Zarema Yagizarova, Dr. Teymur Huseynov, unsere Mitarbeitenden, Freiwillige, Familien und Unterstützer:innen.
Yurdum hat sich zudem zu einer Plattform für ehrenamtliches Engagement und praktisches Lernen entwickelt. Studierende der Staatlichen Pädagogischen Hochschule Aserbaidschans sammeln direkte Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen mit Assistenzbedarf. Durch diese Erfahrungen entwickeln sie praktische Fähigkeiten sowie ein tieferes Verständnis für Kommunikation, Unterstützung, Selbstständigkeit und Inklusion.
Zu unseren Aktivitäten gehören Musik, Kerzenherstellung, Yoga, Basteln, Kochen, Selbstfürsorge, unabhängiges Leben und Chorgesang. Dabei handelt es sich um mehr als nur Workshops: Es werden Gelegenheiten geschaffen, Entscheidungen zu treffen, Fähigkeiten zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen, Kontakte zu knüpfen und persönliche Stärken zu entdecken. Unsere Arbeit ist von Sozialtherapie, Sozialpädagogik und dem Camphill-Ansatz inspiriert. Gleichzeitig versuchen wir zu verstehen, wie diese Ideen innerhalb der aserbaidschanischen Kultur und Gesellschaft Wurzeln schlagen können. Unser Ziel ist es nicht, das Modell eines anderen Landes zu kopieren, sondern aus dessen Prinzipien zu lernen und unsere eigene, lokale Form der Inklusion zu finden.
Eine unserer größten Herausforderungen ist der Mangel an qualifizierten Fachkräften. Sozialtherapie ist in Aserbaidschan noch ein relativ neues Fachgebiet, und die Möglichkeiten für eine systematische Ausbildung und praktische Erfahrung sind nach wie vor begrenzt. Dr. Teymur Huseynov und ich haben ein langfristiges internationales Programm in Sozialpädagogik absolviert, doch ähnliche Möglichkeiten stehen anderen, die in dieses Fachgebiet einsteigen, noch nicht in großem Umfang zur Verfügung. Deshalb ist uns die Verbindung zur breiteren Camphill-Bewegung so wichtig. Unsere Mitarbeitenden und Freiwilligen brauchen Gelegenheiten, Gleichgesinnte aus Camphill-Gemeinschaften auf der ganzen Welt zu treffen, Erfahrungen auszutauschen und weiter zu lernen. Einer unserer Freiwilligen verbrachte kürzlich drei Monate in Camphill Copake und brachte einige dieser Erfahrungen mit zurück nach Yurdum.

Eine unserer ersten Teilnehmerinnen, Lala, begann, Yurdum als ihr «zweites Zuhause» zu bezeichnen. Mit der Zeit wurde uns klar, dass ihre Worte Wirklichkeit wurden. Yurdum entwickelt sich zu einem Ort, an dem sich die Menschen verstanden, akzeptiert und zugehörig fühlen.
Doch derzeit ist dieses Zuhause gefährdet. Die finanzielle Nachhaltigkeit bleibt eine unserer größten Herausforderungen. Yurdum hat zweimal Fördermittel vom Amt für Sozialdienste erhalten. Nach Auslaufen der Fördermittel konnten wir unsere Arbeit vor allem dank der Unterstützung von Eltern, Freunden und Menschen, die an unsere Arbeit glauben, fortsetzen. Wir sind zutiefst besorgt, dass dieses zweite Zuhause ohne nachhaltige Unterstützung eines Tages seine Türen schließen muss.

Trotz dieser Herausforderungen hegt unsere Gemeinschaft große Hoffnung für die Zukunft. Die Mitglieder träumen von einem Dorf mit Gärten, sinnvoller Arbeit und einem Leben, das sie gemeinsam gestalten können. Für die Eltern ist dieser Traum besonders wichtig: Sie sorgen sich, was aus ihren Kindern wird, wenn sie sich nicht mehr um sie kümmern können. Viele hoffen, dass sich Yurdum von einer Tagesstätte zu einer Gemeinschaft mit Wohnhäusern und einem gemeinsamen Leben entwickeln kann.

Unsere langfristige Vision ist es, ein inklusives soziales Ökodorf zu schaffen, in dem Menschen in Würde leben, durch sinnvolle Arbeit einen Beitrag leisten, Freundschaften schließen, weiter lernen und wissen können, dass sie einen Platz in der Welt haben. Für uns ist Yurdum mehr als nur ein Projekt. Es ist ein kleiner Anfang auf dem Weg zu einem inklusiveren Aserbaidschan. Es ist eine Antwort auf die Frage von Eltern, ein Ort des Lernens für junge Berufstätige und Freiwillige und eine Gemeinschaft, in der Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten nicht danach beurteilt werden, was sie nicht können, sondern danach, was sie schon beitragen.
Übersetzung aus dem Englischen: Redaktion
Images: Yurdum