Autor: Dr. Wolfgang Rissmann Verlag: Salumed-Verlag, 2025, 2 Bände

Ein gewaltiges Werk ist es geworden, das Dr. Wolfgang Rißmann erarbeitet hat. Es ist ein Buch – so klar wie umfassend ja auch der Titel – über die unterschiedlichen seelischen, also psychiatrischen Erkrankungen. Geschrieben von einem Praktiker, der in verantwortlicher Tätigkeit der Friedrich-Husemann-Klinik in Buchenbach, Deutschland über Jahrzehnte ununterbrochen in der konkreten Behandlung seelisch erkrankter Menschen tätig war.
So folgt das Buch zunächst der Nomenklatur der international gültigen Klassifikation psychiatrischer Erkrankungen, dem ICD 10. Der/die Lesende erfährt alles Wesentliche über Symptomatik, Verlauf und Therapie der einzelnen seelischen Erkrankungen. So gesehen ist es ein wichtiges und umfassendes Nachschlagewerk – hilfreich für alle im sozialen Kontext Tätigen. Aber das ist nur ein Aspekt von vielen. Es wird nicht nur der ‹Blick von außen› beschrieben – dieser allerdings sehr differenziert und profund. Es wird auch immer wieder der Blick aus der Seele der Betroffenen gesucht: Was erlebt und empfindet ein erkrankter Mensch; angelehnt an ein Brief-Zitat Steiners aus dem Jahr 1915: «Wir können dem Anderen nur dann seelisch etwas sein, wenn wir uns in seine Innenlage versetzen können.» Hier spricht jetzt der tätige Arzt, lässt einen mitfühlen, ja: weist den Weg zu einem erkenntnisgeleiteten Mitfühlen als Grundlage des ärztlichen Handelns. Die vielen in den Text eingefügten Darstellungen über individuelle Krankheitsgeschichten illustrieren das.
Rißmann baut einen solchen ethischen Aspekt früh in seinem Werk auf: Eingebettet in ein Kapitel über «Aspekte zur Geschichte der Psychiatrie» zitiert er Ernst Freiherr von Feuchtersleben aus seiner Schrift Zur Diätetik der Seele: «… (ich) habe die Macht des menschlichen Geistes über den Leib in praktische Anschaulichkeit zu bringen versucht». Hier wird der Grundton von Rißmanns Darstellung angestoßen: Der Kern jedes Menschen ist ‹unkrankbar›: Diesen gilt es im Verstehen wie in der Therapie anzusprechen. So widmet sich ein Abschnitt der «verlorenen Kunst des Heilens». Wege zu einem wirklichen Heilen, aufbauend auf einem wesensgemäßen Verstehen des Krankheitsprozesses, ist ein Kernanliegen dieses Werkes. Auch wenn in dem Werk die besonderen Fragen nicht behandelt werden, wie sich seelische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zeigen – und auch nicht, welche Form diese Erkrankungen im Kontext von Heilpädagogik und Sozialtherapie einnehmen: Das Buch sollte in der Bibliothek jeder dieser Orte und Institutionen stehen – überhaupt an Orten, wo Soziale Arbeit angeboten wird, aber auch, wo therapeutische Unterstützung unterschiedlichster Form geleistet wird. Gerade die umfassenden Ausführungen zu Rudolf Steiners medizinischer krankheitsbezogener Menschenkunde des Spektrums seelischer Erkrankungen machen das Buch so wesentlich – neben den umfassenden Darstellungen über die Formen seelischer Erkrankungen. Und was diese beiden Bände noch auszeichnet: Sie lassen sich gut lesen, auch für medizinische Laien – die grundlegende Herleitung menschenkundlicher Aspekte, der weitgehende Verzicht auf Fremdwörter, der behutsame Aufbau: Der/die Lesende darf sich wahrgenommen und mitgenommen fühlen.