1. Zum Verständnis von Partizipativer Forschung
Mit Partizipativer Forschung ist keine spezifische wissenschaftliche Methode gemeint, es geht vielmehr um eine Haltung und einen Forschungsstil:
«Die Grundintention des partizipativen Forschungsprozesses ist die Konstituierung eines kommunikativen Raums, einer öffentlichen Sphäre, in der mit allen Beteiligten und Betroffenen die gelebten Alltags- und Arbeitspraxen erforscht werden können. Unter dem Gesichtspunkt der Partizipation soll die Bereitschaft mitgebracht werden, die Perspektive der jeweils anderen anzuerkennen und einzunehmen, sodass als allgemeines Erkenntnisziel eine gemeinsam erarbeitete Sach-, Handlungs- und Problemanalyse steht.» (Bergold & Thomas, 2020, S. 9)
Das bislang übliche Gefälle von erkennendem und bewertendem forschenden Subjekt und (in der Sozialforschung: menschlichen) Forschungsobjekt wird zugunsten eines gemeinsamen Erkenntnisprozesses aufgegeben, der das Wissen der für ihr eigenes Leben und den damit verbundenen Erkenntnissen und Fähigkeiten verantwortlichen Akteurinnen und Akteure ernst nimmt. Insbesondere in Bereichen heilpädagogisch ausgerichteten Denkens und Handelns waren Menschen, die mit Behinderungen leben, viel zu lange Objekte: als Adressat:innen einer (gut gemeinten) Fürsorge wie auch als Forschungs-Objekte, in ihrer schlimmsten Konsequenz als Opfer medizinischer Menschenversuche zur Zeit des Nationalsozialismus (vgl. Aly, 2014).
2. Merkmale Partizipativer Forschung
Partizipative Forschung – also methodische Verfahren, die die zu beforschenden Personen als Expert:innen in eigener Sache aktiv in den Forschungsprozess mit einbeziehen – erweitert also nicht nur den Horizont der forschenden Personen, sondern ist in einem zweiten Schritt der Verbesserung der Lebensumstände der Menschen, mit denen gemeinsam geforscht wird, verpflichtet:
«Partizipative Forschung ist ein Oberbegriff für Forschungsansätze, die soziale Wirklichkeit partnerschaftlich erforschen und beeinflussen. Ziel ist es, soziale Wirklichkeit zu verstehen und zu verändern.» (von Unger, 2014, S. 1)
So verfolgt Partizipative Forschung Ziele, die über den bloßen Erkenntnisgewinn hinausgehen. Sie ist daher nicht als Ansatz für Grundlagenforschung zu verstehen, sondern zielt auf die Verbesserung sozialer Wirklichkeit ab, und das auf verschiedenen Ebenen:
«Auf der ‹erkenntnisbezogenen› (epistemologischen) Ebene wird Kritik an dem gängigen, positivistischen Wissenschaftsmodell geäußert;
- unter der ‹lebensweltlichen› Perspektive wird die Eigenstrukturiertheit von Alltag und Praxis betont;
- vor dem Hintergrund eines ‹humanistischen› Menschenbildes wird auf individuelles Wachstum und Selbstverwirklichungspotenziale verwiesen;
- auf einer ‹politischen› Ebene wird die Frage nach gerechten Lebensverhältnissen, sozialer Teilhabe und demokratischen Einflussmöglichkeiten in den Vordergrund gestellt.» (Bergold & Thomas, 2020, S.7)
Partizipative Forschung ist in der Tradition der Action Research verankert, einer von Kurt Lewin in den 40er bis 60er Jahren entwickelten Forschungsform, die auf die unteilbare Verschränkung theoretischer Konzepte mit ihren praktischen Realisationsformen hinwies –die Theorie also auf die Praxis verwies und umgekehrt. Gemeinsam stimmen Forschende und Expert:innen in eigener Sache die Angemessenheit theoretischer (den Untersuchungen zugrunde liegender) Fragestellungen ab, reflektieren über Möglichkeiten und Formen intervenierender Praxistätigkeit sowie die Umsetzung von (sozial-)pädagogischen Maßnahmen (Heinze, 1987, S. 31). Dabei geht es nicht nur darum, die Praxis in der Praxis zu untersuchen, sondern im forscherischen Prozess die gewonnenen Erkenntnisse direkt für eine Verbesserung der Verhältnisse nutzbar zu machen.
Die Elemente Partizipativer Forschung lassen sich folgendermaßen beschreiben:
- Partizipative Zusammenarbeit
- Einbeziehung von Erfahrungswissen
- Handlungsorientierung
- Empowerment (Wiegering, 2015, S. 22)
Idealerweise wirken von Anfang an Forschende und Expert:innen in eigener Sache zusammen. Das bedeutet, dass bereits die Auswahl des Erkenntnisgegenstands gemeinsam geschieht und die Perspektive der betroffenen Personen nicht nur Beachtung findet, sondern direkt handlungsleitend wird. Das Erfahrungswissen der betroffenen Personen wird nicht nur zum Gegenstand der Forschung, sondern befindet sich in einem reziproken Prozess, wird also einerseits bestimmend für die Auswahl des Gegenstands, andererseits führen die gewonnenen Erkenntnisse zurück zu einer Handlungsorientierung, erlangen also Praxisrelevanz.
Als weiteres Grundprinzip gilt Empowerment: ein aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung stammender Begriff. Sinngemäß steht Empowerment für eine Ermächtigung, die Selbstbestimmung und Autonomie unterstützt. Beate Blank beschreibt Empowerment als die grundlegende Bedingung für menschliches Leben: «Vom ersten bis zum letzten Atemzug stehen die Fragen nach der Kraft, Stärke und Macht zur Bewältigung des Lebens und zur Durchsetzung eigener Interessen im Umgang mit unseren Mitmenschen, den Mitgeschöpfen sowie der Umwelt und Natur im Mittelpunkt.» (Blank, 2024, S. 20) Betroffene werden bestärkt, sich für ihre eigenen Angelegenheiten einzusetzen und tätig zu werden. An dieser Stelle wird das Prinzip auch für den forscherischen Prozess wichtig: Die forschenden Personen verzichten ein Stück weit sowohl auf die eigene Deutungshoheit als auch auf die Kontrolle über den Prozess, ein Umstand, der der Partizipativen Forschung in Bezug auf die Neutralität der Forschenden und die prinzipielle Offenheit der Ergebnisse durchaus Kritik eingebracht hat.
Es bleibt festzuhalten, dass Partizipative Forschung zwei grundsätzliche Ziele verfolgt. Erstens geht es um den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, der jede Forschung antreibt. Denn Wissenschaftler:innen wollen mit jeder Forschung neue Ergebnisse erhalten – zum Beispiel, indem sie soziale Probleme beschreiben und verstehen. In der Partizipativen Forschung wollen Wissenschaftler:innen die Probleme aber nicht nur verstehen – sie wollen sie auch verändern. Die Veränderung ist das zweite Ziel Partizipativer Forschung, und dies unterscheidet Partizipative Forschung von anderen Forschungsstilen. Die Forschungsergebnisse sollen die langfristige gesellschaftliche Teilhabe von Personengruppen stärken, die sonst Benachteiligung, sozialen Ausschluss oder Diskriminierung erfahren (Lutz et al., 2020, S. 9).
Dadurch, dass soziale Probleme im Idealfall überwunden werden, sollen auch die Betroffenen selbst gestärkt werden, um eigene Ressourcen zu erkennen und diese Ressourcen dann einzusetzen, um (wieder) ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Partizipative Forschung will also soziale Probleme verstehen und zu einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse beitragen. Der Anspruch auf Veränderung unterscheidet sie von anderen Forschungsstilen. Unabhängig vom Forschungsstil aber gelten in der Sozialforschung bestimmte ethische Grundlagen, an die sich Forschende und Mitforschende halten müssen (ebd.).
Durch den Wandel des Verhältnisses von (Gesellschafts-) Wissenschaft und Lebenspraxis entsteht ein stärkerer Praxisbezug wissenschaftlicher Forschung; die daraus entstehenden Theorien zeichnen sich daher durch eine wesentlich stärkere Praxisnähe und somit Wirksamkeit aus, als wenn man auf den Einbezug der Expert:innen in eigener Sache verzichtet hätte.
Partizipative Forschung ist community-basiert, was bedeutet, dass die Ergebnisse Einfluss auf das Soziale System (vgl. Luhmann 1987/2025) nehmen. Soziale Systeme bestehen aus Kommunikation, sie sind autopoietisch (also selbsterzeugend) und schließen sich insofern nach außen ab, wenn sie Veränderungsprozesse nur aus sich selbst heraus erzeugen. Vor diesem Hintergrund erscheint es fast schon notwendig, forscherische Aufgabenstellungen, die auf die Veränderung gesellschaftlicher Prozesse abzielen, partizipativ anzulegen.
3. Zu den ethischen Standards Partizipativer Forschung
Für Partizipative Forschung gelten die gleichen ethischen Standards, die allgemein für die Sozialforschung gelten. Allerdings können sich andere, erweiterte Herausforderungen ergeben, wenn Mitforschende beteiligt sind – vor allem, wenn es sich dabei um besonders vulnerable Personengruppen handelt (Lutz et al., 2020, S. 10).
Vulnerable Personengruppen sind nicht eindeutig definiert. Man kann Vulnerabilität mit individuellen Eigenschaften begründen. Das trifft beispielsweise auf Kinder zu. Ihre individuelle Eigenschaft ist, dass sie komplexe Situationen schlecht einschätzen können. Eine generelle Einordnung von Menschen mit Behinderungen in diese Kategorie einer strukturellen Schwäche ist jedoch kritisch zu betrachten. Hier kann eher von einer erhöhten Vulnerabilität auf Grund von äußeren Bedingungen ausgegangen werden. So sind Angehörige von Minderheiten generell als vulnerabel einzuschätzen, wenn sie strukturell benachteiligt oder nur unzureichend geschützt werden, was wiederum für Menschen mit Behinderungen häufig zutrifft. Der Begriff der Vulnerabilität ist generell kritisch zu sehen. Denn wenn wir vor allem auf die Vulnerabilität von Menschen achten, nehmen wir irgendwann nur noch ihre vermeintlichen ‹Schwächen› wahr.
In der Sozialforschung gibt es ethische Grundsätze, um zweierlei sicherzustellen: einerseits die Personen zu schützen, die an der Forschung teilnehmen, und andererseits zu garantieren, dass die Wissenschaftler:innen wissenschaftlich korrekt arbeiten. Vier besonders wichtige forschungsethische Grundsätze lauten wie folgt:
- Wissenschaftliche Integrität und Objektivität
- Prinzip der Nicht-Schädigung
- Vertraulichkeit und Anonymität
- Freiwilligkeit und informierte Einwilligung
(von Unger & Narimani, 2012, S. 7)
Aus diesen Grundsätzen leiten sich spezifische ethische Prinzipien ab, die für alle Beteiligten als verbindlich gelten: Respekt, Selbstbestimmung, Barrierefreiheit, Offenheit, Kompetenzentwicklung, Informierte Einwilligung, Schadensfreiheit, Nützlichkeit und Veränderung, Nachvollziehbarkeit, Reflektierte Subjektivität und schließlich Validität (Hausner, 2020, S. 61ff.).
4. Formen Partizipativer Forschung
In der Regel sind die Forschungsmethoden im partizipativen Setting qualitativ gestaltet. Mögliche Forschungsmethoden sind zum Beispiel die Teilnehmende Beobachtung, SIM-Fokusgruppen – Structured Interview Matrix, Zukunftswerkstatt, Photo Voice, verschiedene Formen strukturierter und teilstrukturierter Interviews oder auch narrative Interviews. An dieser Stelle ist zu bemerken, dass die partizipative Auswertung von Interviews aus forschungsethischer Sicht grundsätzlich angeboten werden soll. Eine weitere Methode, die die Einbeziehung von nicht-sprechenden Menschen in den forscherischen Prozess möglich macht, ist die der narrativen Begehung, seit Jahren angewandt in der Wirkungs- und Wirksamkeitsevaluation. Mithilfe eines Beobachtungsbogens werden Menschen mit Behinderungen dabei begleitet, wie sie ihre Wohnsituation, ihre Arbeit und ihren Sozialraum ihren Begleiter:innen zeigen und – verbal oder nonverbal – vorstellen und bewerten können. Diese Begehung wird protokolliert und ausgewertet, eine vergleichende Auswertung ist auf Grund der standardisierten Beobachtungsbögen möglich.
In letzter Zeit ist die Anwendung der Forschungsmethode Wahrnehmungsvignetten von zunehmender Bedeutung. Wahrnehmungsvignetten sind der Phänomenologie zuzuordnen und zeichnen sich als Forschungszugang insbesondere dadurch aus, dass die beobachtete Person durch ihr Handeln den forscherischen Prozess initiieren kann. Es ist also nicht, wie in der Teilnehmenden Beobachtung, von vorherein ein Forschungsziel festgelegt, sondern der Anlass liegt im Aufmerken des Betrachtenden auf dem, was geschieht. Dieser Ansatz wurde in den letzten Jahren in vielen wissenschaftlichen Abschlussarbeiten erprobt und gilt als sehr Erfolg versprechend.
5. Partizipative Forschung: ein Beispiel
5.1. Situation und Verlauf
Als Beispiel für einen partizipativ angelegten Forschungsprozess soll ein Projekt dienen, das seit 2020 in der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft ‹Die Robben› in Wulfsdorf bei Ahrensburg nördlich von Hamburg durchgeführt wurde. Der LebensOrt Wulfsdorf ist keine Institution der Behindertenhilfe, sondern wurde von einer Gruppe Gleichgesinnter gegründet, die auf der Suche nach einem solidarischen, ökologischen und gerechten Lebens- und Wohnmodell waren. Ein großer Teil der Initiatorinnen und Initiatoren waren Mitarbeitende des Demeterhofs Wulfsdorf. Es entstanden zwei ökologisch orientierte Siedlungen. In dem bereits bestehenden Projekt hat sich seit 2014 eine Elterninitiative von Absolvent:innen des Friedrich- Robbe-Instituts in Hamburg, Deutschland engagiert und 32 barrierefreie Wohnungen errichtet, die auch für Menschen mit komplexer Behinderung geeignet sind. Um Pflege und persönliche Assistenz sicherzustellen, wurde ein Pflegedienst gegründet, der bis hin zur Pflege beatmungspflichtiger Menschen jede Form von Pflege und Assistenz nach individuellem Bedarf sicherstellen kann.
Seit November 2020 (zwischendurch mit Unterbrechungen infolge der Corona-Verordnungen des Gesundheitsamtes) wurde gemeinsam mit drei nicht sprechenden Menschen mit komplexen Behinderungen daran gearbeitet, mit Elementen der Musik ein Kommunikationssystem zu schaffen, das es den Menschen ermöglicht, initiativ mit ihrer Umwelt in Kommunikation treten zu können und damit selbstbestimmte Teilhabemöglichkeiten an sozialen und künstlerischen Prozessen erweitern helfen soll. Das Projekt entwickelte sich aus einer Idee der pädagogischen Leiterin, Anke Brammen. Es wurde inhaltlich geplant und durchgeführt durch die Musikerin und Musiktherapeutin Aino Löwenmark und wissenschaftlich begleitet sowie evaluiert von Prof‘in Dr. Christiane Drechsler, vom IWII (Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität) der Alanus Hochschule in Mannheim, Deutschland. In der Regel fanden die Veranstaltungen wöchentlich statt und waren unterteilt in jeweils 10 Minuten Einzeltherapie und 20 Minuten Gruppentherapie, wobei die Methode der Funktionsorientierten Musiktherapie (FMT), mit der gestartet wurde, im Verlauf eine Anpassung an die Bedürfnisse der beteiligten Personen gefunden hat:
«Im letzten Jahr habe ich mich etwas von meiner FMT-Methode distanziert. Die FMT- Methode ist ja nur als Einzeltherapie gedacht und nicht als Gruppentherapie. Deshalb habe ich schon von Beginn an eigentlich etwas Neues begonnen. Die Grundeinstellung der FMT habe ich zwar mitgenommen, denn das Nonverbale, Nicht-Instruktive ist für mich immer noch sehr wichtig. Und ich versuche, mich als ein relativ neutrales Gegenüber zu verstehen.» (Löwenmark, 2023, unveröffentlichtes Manuskript)
Ebenfalls Veränderungen erfuhren im Verlauf des Projekts die angewandten Forschungsmethoden. War zunächst geplant, den Prozess mit Methoden aus der Teilnehmenden Beobachtung im pädagogischen Feld zu begleiten und in halbjährlichem Abstand mit themenzentrierten Interviews eine weitere (Reflexions-)Ebene zu schaffen, so erwiesen sich beide Verfahren, wenn nicht als untauglich, so doch als unzureichend. Glücklicherweise wurde am Institut gerade ein neues Forschungsinstrument entwickelt: die Erstellung, Analyse und Interpretation von Wahrnehmungsvignetten (vgl. Barth & Wiehl, 2023). Diese kamen im Kontext musiktherapeutischer Verfahren erstmalig zum Einsatz.
Wie aus dem Zwischenbericht und der ersten Publikation ersichtlich, konnten alle drei beteiligten Personen im Verlauf der Therapie große Fortschritte dahingehend verzeichnen, Möglichkeiten zu finden, ihren Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Diese Fortschritte konnten in den vergangenen Jahren gefestigt werden. Die Beobachtungen der Musiktherapeutin und die kurzen Sequenzen in den Wahrnehmungsvignetten zeigen dabei eine große Übereinstimmung:
«Mit Marie ist das Singen ein guter Weg zu dem Kontakt. Ich merke, dass meine Stimme sie sofort erreicht. Und dass sie sich freut. Z. B. am 17.11.23 hat sie auf ihre dadaistische Art und Weise von Haselnüssen gesungen. Ich fand des spannend und lustig und habe sie nachgesungen. Das fand sie richtig ansprechend und somit haben wir beiden ihre merkwürdigen Melodien zusammen gesungen. Ich singe sie einfach nach. Begleite ihr Gesang auf dem Klavier und singe selbst mit» (Löwenmark, 2023, unveröffentlichtes Manuskript).
«Vincent singt auch gerne eintönig und auf einen Vokal. Hier finde ich jedoch keine direkte Kommunikation über den Gesang. Bei ihm sind meistens noch seine tanzenden Hände im Vordergrund als Kontakt und Instrument. Vincent trägt Stoffhandschuhe, da er seine Hände beißt. Das Zähneknirschen war früher ein Thema, was schon längst vorbei ist. Ich frage mich, ob das mit dem Handbeißen das Gleiche ist. Irgendwann wird er auch damit aufhören. Ich reagiere manchmal mit dissonanten Tönen, wenn er sich beißt. Dann hört er sofort auf, was natürlich zeigt, dass eine Bewusstwerdung durch die Musik stattfindet.» (Löwenmark, 2023, unveröffentlichtes Manuskript)
«Der Atem ist bei Schorschi das wichtigste Instrument und Kommunikationsmittel. Sein Körper wird gesteuert durch seinen Atem und manchmal durch seine angespannten und entspannten Reaktionen. Sein Gesichtsausdruck ist auch eine große Kommunikationsfläche und in der letzten Zeit habe ich gemerkt, dass er zu kämpfen hat mit einem entzündeten Auge. Ich habe auch oft das Gefühl, dass wenn er kommt, ist er etwas aufgeregt. Aber in der Musiktherapie-Situation findet er sich oft wieder, und ist meistens nach der Therapie sehr entspannt. Während der Therapie gibt es wellenartige körperliche Reaktionen, worauf ich musikalisch reagiere.» (Löwenmark, 2023, unveröffentlichtes Manuskript)
Besonders wertvoll und im vergangenen Jahr neu und intensiv erscheint ein Element, das im zweiten Teil der Einheiten bereits angelegt war und sich im Verlauf der Maßnahmealsimmerwichtigererwies:dasZusammenspielder drei beteiligten Personen und die sensible Art und Weise, in der sie zueinander Kontakt aufnehmen. War die Einzeltherapiesitzung stets auf die Dyade Therapeut:in-Selbstvertreter:in angelegt, so konnte die Kontaktperson im vier Personen umfassenden Gruppensetting vom jeweils musizierenden Selbstvertreter frei gewählt werden. Das Besondere an dieser Situation ist die Möglichkeit der freien Wahl. Menschen mit komplexen Behinderungen entscheiden, zu wem und in welcher Art und Weise sie Kontakt aufnehmen, und jede und jeder der Beteiligten zeigte im Verlauf der letzten Sitzungen eine direkte Reaktion:
«Schorschi schläft selten. Er kämpft eher, um dabei zu sein. Er atmet, reagiert stark. Er ist auch das Bindeglied zwischen den beiden anderen. Er liegt in der Mitte auf den Tisch, links sitzt Vincent, rechts sitzt Marie in ihren jeweiligen Rollstühlen. Marie ist so nah, dass sie Schorschi anfassen darf. Ich versuche dies immer zu ermöglichen, auch wenn sie manchmal etwas hart an Schorschis Füße trommelt. Vincent streichelt Schorschis Kopf.» (Löwenmark 2023, unveröffentlichtes Manuskript)
5.2. Elemente der Partizipation
Im vergangenen Jahr wurde in den Reflexionsgesprächen immer wieder die Bedeutung der Verstetigung und des Transfers der erreichten Erfolge in den Alltag der Selbstvertreter:innen besprochen, insbesondere mehrfach zwischen Therapeutin und wissenschaftlicher Begleitung (Dokumentation dazu liegt vor), aber auch in mehreren Gesprächen mit den pädagogischen Leiterinnen. Es gab dazu Ideen und Konzepte, die sich in zwei Bereiche unterteilen lassen:
- Mehr musikalische Angebote im Alltag der beteiligten Personen, zum Beispiel durch Singen und rhythmisches Musizieren in den Tagesförderstätten und
- Musik in der Einzelbetreuung, zum Beispiel durch pflegende Personen.
Für beide Bereiche sind Konzepte in Vorbereitung.
Im Vordergrund steht augenblicklich jedoch ein anderes Ergebnis der Maßnahme, das wirklich überraschend ist (und demzufolge auch in einer größeren Publikation aufgenommen und ausgewertet werden soll): Die Kommunikation der betroffenen Personen untereinander wird durch Mittel und Methoden musikalischer Kommunikation offensichtlich angeregt und befördert. Die Dokumentation der letzten beiden Jahre beweist, dass aus dem Nebeneinander-Musizieren der betroffenen Personen in der Anfangszeit mehr und mehr ein Miteinander wurde, das bis in die physische Kontaktaufnahme, nämlich durch Berührungen der anderen Beteiligten mit dem Instrument oder der Hand oder auch durch sicht- und hörbare Reaktion auf das Tätig-Sein der anderen beteiligten Person Ausdruck fand und findet. Diese Spur weiter zu verfolgen ist aus forscherischer Sicht von hohem Interesse. An dieser Stelle kann festgehalten werden, dass drei komplex behinderte, nicht verbal kommunizierende Menschen in der Lage waren, Einfluss auf den forscherischen Prozess bis hin zu einer deutlichen Veränderung der Zielsetzung zu nehmen. Partizipation zu Beginn des Projekts war insofern gegeben, dass bei den teilnehmenden Menschen mit komplexer Behinderung deren Verhalten so gedeutet wurde, dass sich darin ein Bedürfnis nach Verstanden-Werden ausdrückt, verbunden mit einer hohen Reaktivität bei musikalischen Eindrücken. Beides wurde seitens der Musiktherapeutin und der Forscherin (ebenfalls Musikerin) zum Anlass genommen, ein Setting zu entwickeln, innerhalb dessen eine Entwicklung möglich erschien.
Im Verlauf des Prozesses und der Evaluation desselben wurde deutlich, dass die beteiligten Personen zunehmend Einfluss auf die Gestaltung der Musikeinheiten nahmen. Die Kommunikation untereinander nahm im Vergleich zu der mit der Musiktherapeutin immer mehr Raum ein. So änderte sich im Lauf der Zeit auch das Ziel der Forschung: Im Mittelpunkt stand nicht länger der Ausbau kommunikativer Strukturen mit Menschen ohne Behinderung, sondern die Entwicklung von Kommunikation zwischen nichtsprechenden Menschen mit Behinderung. Ein völlig neues Forschungsfeld tat sich auf.
6. Abschließende Bemerkungen
Der vorliegende Beitrag hat Partizipative Forschung als eine forschungspraktische Haltung und zugleich als ethisch begründeten Anspruch vorgestellt, der insbesondere in (heil-)pädagogischen Kontexten von besonderer Relevanz ist. Partizipative Forschung verschiebt etablierte Macht- und Wissensordnungen, indem sie Menschen nicht länger primär als Forschungsobjekte betrachtet, sondern als Expert:innen in eigener Sache ernst nimmt. Damit geht sie über einen rein erkenntnisorientierten Forschungszugang hinaus und verbindet wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn konsequent mit dem Ziel sozialer Veränderung, Empowerment und Teilhabeförderung.
Literatur:
Aly, G. (2014). Die Belasteten: ‹Euthanasie› 1939–1945. Eine Gesellschaftsgeschichte. Frankfurt am Main: S. Fischer.
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Bergold, J. & Thomas, S. (2020). ‹Partizipative Forschung›. In: G. Mey, and K. Mruck, eds., Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie. Springer Reference Psychologie [Handbook of qualitative research in psychology. Springer reference psychology]. Wiesbaden: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-18387-5_25-2
Blank, B. (2024). Was ist Empowerment? Weinheim: Beltz.
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Drechsler, Ch. (2023). ‹Zum Projekt Musikgestützte Kommunikation gemeinsam mit Menschen mit Komplexer Behinderung.› Ein Bericht an die Andreas Tobias Kind Stiftung.
Hausner, M. (2020). ‹Regeln für die gemeinsame Forschung›. In: Saskia Schuppener et al., eds., Gemeinsam forschen. Forschung mit Menschen mit Lernschwierigkeiten, 61–68. Marburg: Lebenshilfe.
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von Unger, H. & Narimani, P. (2012). Ethische Reflexivität im Forschungsprozess: Herausforderungen in der partizipativen Forschung. WZB Discussion Paper, No. SP I 2012-304. Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.
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