Ökonomie der Fürsorge

Warum wir Wohlstand, Gesundheit und Arbeit neu denken müssen

Autor: Tim Jackson

Verlag: Oekom Verlag (2025)

 

 

Tim Jackson ist Ökonom und Dramatiker. Bekannt wurde er als führender Theoretiker der Postwachstumsökonomie mit der Veröffentlichung von Prosperity without Growth: Foundations for the Economy of Tomorrow (2017), einem Buch, das ursprünglich nach der globalen Wirtschaftskrise 2008 als Bericht für die britische Regierung verfasst wurde, jedoch schnell ignoriert und von den Auftraggebern aufgegeben wurde, aber nach seiner Veröffentlichung in Buchform großen Anklang fand. Dieser Klassiker der Postwachstumstheorie wurde 2017 überarbeitet und neu aufgelegt und legte den Grundstein für Post Growth: Life after Capitalism (2021). Beide früheren Bücher sind erkennbar Werke eines Wirtschaftswissenschaftlers, im Duktus einer fachlichen Darstellung, wenngleich sie klar und verständlich, auch für Nicht-Ökonomen geschrieben sind, die bereit sind, Jackson auf das Feld des tiefgreifenden Wandels zu folgen, mit dem die Welt konfrontiert ist, da sie an die Grenzen des wachstumsabhängigen Wirtschaftsparadigmas stößt, das die Moderne seit etwa 500 Jahren geprägt hat.

Ökonomie der Fürsorge (2025) ist ein ganz anderes Buch. Obwohl es auf wirtschaftswissenschaftlichen Überlegungen basiert und auf den beiden früheren Büchern aufbaut, verlagert es die Diskussion auf eine viel imaginativere Ebene. Jackson, der Dramatiker, steigt hier in die Diskussion über das Wirtschaftsparadigma der Zukunft ein.

Jackson greift seine frühere Diagnose auf. Er umreißt die Grenzen des Wachstums, zeigt auf, wie wir dorthin gelangt sind und warum wir uns aus unserer Abhängigkeit von einem ständig beschleunigten BIP-Wachstum und dem dafür erforderlichen immer größer werdenden Material- und Energiedurchsatz ablösen müssen. Wir sind durch die Funktionsweise unseres Finanzsystems in einem Wirtschaftsmodell gefangen, das Innovation und Entwicklung gefördert, viele Menschen aus der Armut befreit, unglaubliche technologische Ressourcen erschlossen und die globale Zivilisation aus der Vormoderne in die heutige Spätmoderne katapultiert hat. Jetzt befinden wir uns in einer Situation, in der wir materiell so reich sind wie nie zuvor, aber nicht mehr aus dem Beschleunigungsmodus herauskommen, obwohl wir uns über die Grenzen dessen hinwegbewegt haben, was mit dem Wohl des Menschen, der Gesellschaft und der Erde vereinbar ist. Jenseits dieser Grenzen trägt Wirtschaftswachstum nicht mehr zu Gesundheit und Lebensqualität bei, sondern wird zur Hauptursache für deren Verschlechterung und bedroht gleichzeitig die Ökosphäre, die das menschliche Leben überhaupt erst ermöglicht.

Im Zentrum von Jacksons Wirtschaftsdiagnose steht ein Phänomen, das als Baumol'sche Kostenkrankheit bekannt ist. Jackson trifft im Höhepunkt seines Buches auf William Baumol (1922–2017), nachdem er sich durch so vielfältige Themen bewegt hat, wie die griechisch-römische Göttin der Fürsorge, eine Neudefinition von Wohlstand als Gesundheit, die Bedingungen für die Erhaltung der Gesundheit, die aktuelle Opioidkrise als verzerrtes Gegenbild der Gesundheitsversorgung, das Erlebnis des Kaltwasserschwimmens, das Prinzip der Selbstregulierung in lebenden Organismen, die intrinsische regenerative Kraft des Lebens, die Gründe, warum die Wirtschaft in ihrer derzeitigen Funktionsweise ständig gegen das Prinzip der Regeneration wirkt, die Ursprünge des britischen Gesundheitssystems NHS, Gertrude Stein und Florence Nightingale, das Pflegemodell von Krankheit als regenerativem Prozess, die moderne Ablehnung ‹weiblicher› Pflege zugunsten ‹männlicher› interventionistischer Ansätze in Medizin, Wirtschaft, Technologie und Leben im Allgemeinen sowie die pathogenenetischen Folgen all dessen. Das Treffen mit Baumol findet als Gespräch auf der Nachtseite der Realität statt, im Raum der Imagination, in einer Art spiritueller Erfahrung in Stonehenge (mit Hannah Arendt als weiterer Gesprächspartnerin, um Jackson auf diese Erfahrung vorzubereiten).

Baumol erklärt Jackson, warum in einer wachstumsabhängigen Wirtschaft selbst bei zunehmendem materiellem Wohlstand denjenigen Aktivitäten, die unmittelbar das Wohlergehen, die Gesundheit und die Lebensqualität fördern – Kultur, Kreativität, Handwerk und Pflege –, immer mehr die Ressourcen entzogen werden, bis sie daran zugrunde gehen. Da die in der produktiven Realwirtschaft hergestellten materiellen Güter durch Innovation und Effizienz immer billiger werden, werden diejenigen Aktivitäten, in denen sich keine Effizienzsteigerung erzielen lässt, ohne dass ihre wesentliche Qualität verloren geht – also alles, was entscheidend von der Zeit und Aufmerksamkeit eines Menschen abhängt –, relativ gesehen immer teurer.

Da die Möglichkeiten für reales materielles Wirtschaftswachstum irgendwann immer knapper werden, entzieht eine wachstumsabhängige Wirtschaft diesen ‹langsamen› Sektoren immer mehr Ressourcen und lenkt sie in die materielle Wirtschaft, sogar in Aktivitäten, die zwar materiell produktiv, aber dem Wohlergehen abträglich sind (Kriegs- und Waffenproduktion, Suchtmittel und -produkte, ökologisch und sozial ausbeuterische und zerstörerische Prozesse), um das BIP-Wachstum verzweifelt aufrechtzuerhalten und den eigenen Zusammenbruch zu verhindern. Während also in den frühen Phasen der Entwicklung der durch Wachstum erzielte größere materielle Wohlstand Kultur, Handwerk und Pflege ermöglichte, kehrt sich dieser Mechanismus aufgrund der systemischen Abhängigkeit von weiterem Wachstum über diesen kritischen Wendepunkt hinaus gegen sich selbst.

Fürsorge bewirkt unmittelbar das Wohlergehen von Menschen und Planet und erfüllt damit den eigentlichen Zweck wirtschaftlicher Tätigkeit, steht aber in einem inneren Widerspruch zu der für Wachstum erforderlichen Effizienz und Beschleunigung. Die in der Wachstumsabhängigkeit verhafteten spätmodernen Volkswirtschaften ziehen zunehmend Mittel aus Kultur, Kunst, Bildung, Gesundheitswesen, Sozialfürsorge und ähnlichen Bereichen ab, während sie künstliche Wege zur Aufrechterhaltung des Wachstums entwickeln, wie Krieg und Rüstungsproduktion, süchtig machende Technologien, Junkfood und Junkmedizin, die nicht zu Gesundheit, Wohlbefinden und menschlicher Entfaltung beitragen. Ein Scheitern des Wachstums würde innerhalb des Systems, so wie es ist, zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch der Gesellschaft führen, dessen Folgen zu katastrophal erscheinen, um überhaupt in Betracht gezogen zu werden – auch wenn die Wachstumsabhängigkeit sichtbar die Menschen, die Gesellschaft und die Erde zerstört.

Der Ausweg aus dieser systemischen Wachstumssucht besteht laut Jackson darin, die Fürsorge selbst in den Mittelpunkt der Wirtschaft zu stellen. Die Ökonomie der Fürsorge, im Sinne seines Buches, ist nicht (nur) die Ökonomie des Pflegesektors, sondern das Wirtschaftsparadigma der Zukunft an sich – für eine Zeit nach der Abhängigkeit vom Wachstum. Eine auf Fürsorge ausgerichtete Wirtschaft misst ihren Erfolg nicht am materiellen Durchsatz, sondern daran, wie sie menschlicher, sozialer und ökologischer Entwicklung zum Gedeihen verhilft. Sie arbeitet mit Finanzierungsmodellen, die nicht Wachstumsabhängigkeit erzeugen, sondern an Nachhaltigkeit und Regeneration orientiert sind. Sie betrachtet Fürsorge, Bildung und Kreativität als die wahren Investitionen in die Zukunft der Gesellschaft und nicht als Belastung für das Wachstum. Nachdem sie sich vom Druck befreit hat, sich um jeden Preis durch Wachstum zu stabilisieren, nutzt sie Effizienz und Innovation in der materiellen Produktionswirtschaft, um mehr Ressourcen für Kultur, Kreativität und Pflege bereitzustellen. Dazu lässt sie Aktivitäten und Sektoren nach Bedarf wachsen oder schrumpfen, um die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen und des Planeten zu fördern.

Um dies zu erreichen, weist Jackson – in Anlehnung an eine Tradition feministischer Denkerinnen von Daphne du Maurier über Gertrude Stein bis hin zu Riane Eisler – darauf hin, dass ein tiefgreifender kultureller Wandel notwendig ist. Damit steht er im Einklang mit einem Kernmotiv aus Rudolf Steiners ungewöhnlichem Vortrag vom 2. Januar 1906 (in GA 93) über ‹Die königliche Kunst in einer neuen Form›: Die Herausforderung bestehe darin, die einseitige ‹männliche› (patriarchale) Haltung zu überwinden, die die Entwicklungen der letzten 500 Jahre geprägt hat, und das ‹weibliche› Prinzip der Fürsorge, der Erhaltung und der Wiederherstellung des Lebens sowie der Heilung neu in unsere Gestaltung wirtschaftlicher und sozialer Paradigmen zu integrieren, die den Bedingungen für Leben, Entfaltung und Wohlbefinden entsprechen. Ein solches neues wirtschaftliches und soziales Denken – auch hier stimmt Jackson mit Steiner überein – kann nur durch ein imaginatives Denken erreicht werden, nicht durch analytisches Denken allein. Die Ökonomie der Fürsorge ist Jacksons Beitrag als Ökonom und Dramatiker zu dieser Herausforderung einer neuen sozialen Kunst, die auf Fürsorge basiert.


Literatur:

Jackson, T. (2017). Wohlstand ohne Wachstum: Grundlagen für eine zukunftsfähige Wirtschaft. München: Oekom Verlag.

Jackson, T. (2021). Wie wollen wir leben? Wege aus dem Wachstumswahn. München: Oekom Verlag.

Steiner, R. (2014) (GA 93). Die Tempellegende und die Goldene Legende als symbolischer Ausdruck vergangener und zukünftiger Entwickelungsgeheimnisse des Menschen. 4. Aufl. Basel: Rudolf Steiner Verlag.

Jan Göschel
Jan Göschel

Dr. Jan Göschel ist Leiter der Sektion für Heilpädagogik und inklusive soziale Entwicklung am Goetheanum und Präsident der Camphill Academy in Nordamerika. Er ist Chefredakteur der Perspectives.