Lebendige Praxisfelder in Camphill-Gemeinschaften

Eine Erkundung lebendiger Prinzipien der sozialen Gestaltung

Dieser Beitrag basiert auf den Beiträgen von Mitgliedern der weltweiten Camphill-Bewegung. Er spiegelt die Reflexionen und Resultate aus dem ‹International Camphill-Movement Group Meeting› im Camphill-Dorf Kimberton Hills in Pennsylvania/USA vom 17. bis 21. Mai 2025 wider.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts formulierte Rudolf Steiner drei Prinzipien des sozialen Wohlergehens und der sozialen Erneuerung, die eine wichtige Orientierung und Anleitung für die inklusive Gemeinschaftsbildung in der Camphill-Bewegung geworden sind (siehe McKanan 2020). Diese Prinzipien wollen nicht regeln, wie eine Gemeinschaft organisiert sein sollte, sondern beschreiben die gesetzmäßigen Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Bereichen der sozialen Organisation, der Gemeinschaft und des Wohlergehens des Einzelnen innerhalb des sozialen Organismus.

Das Soziale Hauptgesetz beschreibt, wie das Wohlergehen einer Gemeinschaft von Menschen, die miteinander arbeiten, davon beeinflusst wird, wie der Ertrag aus der Zusammenarbeit in die Gemeinschaft zurückfließt:

«Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist um so größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.» (Steiner GA 34, 213)

Während diese beschreibende Formulierung keine Handlungsanweisung enthält, wurde sie – zumindest innerhalb der Camphill-Bewegung – oft so verstanden, dass Arbeit und Einkommen voneinander getrennt werden sollten, in dem jede:r Mitarbeitende eine Leistung einbringt, ohne vergütet zu werden und dafür Unterstützung für die eigenen Lebensbedürfnisse aus der Gemeinschaft erhält, die nicht an die Arbeitsleistung gebunden ist.

Das Soziologische Grundgesetz beschreibt, wie sich die Balance zwischen Individuum und Gemeinschaft in reifer werdenden kollektiven Verbänden verschiebt:

«Die Menschheit strebt im Anfange der Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände; dem Interesse dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individuums geopfert; die weitere Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen.» (Steiner GA 31, 255f.)

Wie das Soziale Hauptgesetz ist auch dies eine Beschreibung eines Prinzips, das in der Entwicklung und Reifung sozialer Organismen (wie ein ‹Naturgesetz›) vorliegt und keine Vorschrift. Es deutet an, dass in der Anfangsphase sozialer Organismen (Gemeinschaften, Organisationen etc.) Individuen ihre eigenen Interessen für die Gemeinschaftsbedürfnisse aufgeben müssen, während in gereiften Gemeinschaften die Entwicklung ihrer einzelnen Mitglieder als eigentliches Ziel in den Fokus rückt.

Das sogenannte Geistige Gesetz besagt, dass eine spirituelle Bewegung oder Gemeinschaft in unserer Zeit notwendigerweise ‹allgemein menschlich› sein muss; in anderen Worten: Sie muss auf den Prinzipien von Vielfalt, Inklusion und einer Orientierung am Guten in allen Menschen beruhen. Jede spirituelle Gemeinschaft, die sich heutzutage auf eine gesonderte Gruppe beschränkt (z. B. anhand von Nationalität, Ethnizität, Glauben, politischer Überzeugung etc.), wird zerstörerisch wirken.

«Nun kann eigentlich keine spirituelle Bewegung in unserer Zeit gedeihen, die irgendeine Spezialbewegung der Menschheit ist. Es ist das einfach ein okkultes, sagen wir, Gesetz, daß jede wirklich tragfähige und fruchtbare spirituelle Bewegung allgemein menschlich ist, dasjenige ist, was man im trivialen Leben international nennt, allgemein menschlich ist. In dem Augenblick, wo heute, in diesem Zeitalter, nicht das allgemein Menschliche, sondern eine Gruppe von Menschen in irgendeiner Form ein in gewissem Sinne gruppenegoistischer Träger einer spirituellen Bewegung wird, in dem Augenblicke schädigt man den allgemein menschlichen Fortschritt, nützt ihm nicht, bringt ihn nicht wirklich weiter.» (Steiner GA 259, 604)

Während des Treffens der ‹Camphill Movement Group 2025› haben die Vertreter:innen unterschiedlicher Regionen der weltweiten Camphill-Bewegung und andere Teilnehmende diese drei Prinzipien vor dem Hintergrund der Erlebnisse und der gelebten Gemeinschaftspraktiken in der heutigen Bewegung beleuchtet. Das Treffen bestand aus Präsentationen von Mitgliedern der Camphill Movement Group, die von Gemeinschaften aus fünf Kontinenten berichteten. Es gab aber auch Beiträge, die sich mit anthroposophischen Werken und nicht-anthroposophischer Gegenwartsliteratur auseinandersetzten (bspw. eine Keynote über Robin Wall Kimmerers Braiding Sweetgrass, 2015). Darüber hinaus gab es Raum für nachdenkliche Gespräche, künstlerische und Bewegungsübungen und einen Dialog über den Quäker-Gemeinschaftsimpuls, der ein wichtiger spiritueller Impuls in Pennsylvania, dem Ort des Treffens, war. So kamen lokale und globale Perspektiven zusammen und konnten in das Gespräch über eine Camphill-Gemeinschaftsbildung im 21. Jahrhundert einfließen. (1)

Die Teilnehmenden wurden gebeten, zwei Fragebögen zu beantworten. Einen vor Beginn des fünftägigen Treffens und den anderen zum Ende. Vor dem Treffen wurde zu jedem der drei Prinzipien gefragt: «Wie nimmst du dieses Prinzip in deiner Region und deiner Gemeinschaft wahr?» Zum Abschluss wurden die Teilnehmenden gebeten, neue Einsichten, Perspektiven, Reflexionen oder Fragen zu jedem Prinzip, einschließlich inwiefern es relevant für ihre Arbeit wäre, zu teilen.

25 Antworten wurden zum ersten Fragebogen eingereicht, 17 von Menschen, die später am Treffen teilgenommen haben und acht aus der globalen Camphill-Bewegung. Der zweite Fragebogen wurde von 15 Teilnehmenden beantwortet. Die Antworten kamen aus unterschiedlichen Regionen der Camphill-Bewegung – Afrika, Nord- und Südamerika, Asien, Europa – und aus Pionierinitiativen sowie alteingesessenen Gemeinschaften.

Der Autor dieses Aufsatzes hat die Antworten thematisch analysiert und synthetisiert. Im Nachfolgenden werden die thematische Analyse, Synthese sowie eine kurze Diskussion und Reflexion vorgestellt. Dies bildet die Grundlage für die weitere Diskussion und Forschung auf dem ‹Camphill Movement Group Meeting 2026› und anderen relevanten Foren.

Synthese der Antworten vor dem Treffen

Frage 1: Wie erlebst du das Soziale Hauptgesetz in deiner Region oder in deiner Gemeinschaft?

Angelehnt an die gängige Interpretation des Sozialen Hauptgesetzes innerhalb von Camphill (McKanan, 2020) bezogen sich viele Antworten auf die Praxis der Vergütung und der Unterstützung von Lebensbedürfnissen in ihrer Gemeinschaft oder Region. Die meisten erzählten eine von zwei Geschichten: Manche beschrieben, wie Einkommen zwischen zusammenlebenden Mitarbeitenden eines Mitarbeitendenverbunds geteilt würden. Hierbei werden die persönlichen Budgets auf Grundlage des Bedarfs angelegt und durch einen Gemeinschaftsprozess validiert, unabhängig von den zugeschriebenen Arbeitsverantwortungen. Manchmal wurde dies als «Arbeiten ohne Bezahlung» beschrieben und als Getragenwerden durch die «Rhythmen und das Leben der Gemeinschaft».

Andere beschrieben, dass sich die Handhabung in ihrer Gemeinschaft hin zu Gehältern verändert habe, die abhängig von der Arbeitsverantwortung seien. Typischerweise handelt es sich um eine Rollen-basierte Gehälterstaffelung, die entweder aus der Gemeinschaft heraus oder auf Basis von externen (gewerkschaftlich oder gesetzlich vorgeschriebenen) Standards entwickelt wurde. Diese Anpassungen kamen häufig durch äußeren Druck und veränderte Vorschriften zustande. Manche Gemeinschaften arbeiten mit einem gemischten Modell: Mitarbeitende, die lange Zeit vor Ort leben und arbeiten, sind Teil der Bedarf-basierten geteilten persönlichen Budgetierung, während Mitarbeitende ohne Lebensschwerpunkt in der Gemeinschaft mit einem Gehalt ausbezahlt werden.

Kurzzeit-Praktikant:innen und Mitarbeitende mit Assistenzbedarf stellen eine eigene Kategorie dar. Ihre Vereinbarungen hängen entweder mit den Rahmenbedingungen ihres Vertrags für einen zeitlich begrenzten Freiwilligen-Einsatz zusammen oder werden als Teil des nicht-monetären Austauschs von Beiträgen zur Gemeinschaft gehandelt.

Die Reaktionen auf diese Veränderung – weg vom Bedarf-basierten persönlichen Budget hin zum gestaffelten Gehälter-Modell – waren ambivalent. Manche hoben positive Aspekte hervor: größere Klarheit, Transparenz, Fairness und Gerechtigkeit, die sich mehr nach «Geschwisterlichkeit in ökonomischen Belangen» anfühle als die früheren, subjektiveren Praktiken. Dass es pragmatischer sei und eine bessere Basis bilde, um mit gesetzlichen Trägern Verträge auszuhandeln und eine Refinanzierung zu erlauben, wurde auch erwähnt. Andere sahen darin einen Verlust eines Schlüsselprinzips für die Gemeinschaftsbildung. Viele nahmen beides wahr und beobachteten auch, wie der Impuls der Trennung von Arbeit und Einkommen an anderer Stelle weiterlebt. Es gab ein Empfinden, dass, selbst unter den neuen Bedingungen, die Menschen, die langfristig mitarbeiten, nicht «für Geld arbeiten» würden, sondern um die Bedürfnisse der anderen zu stillen. Nichtsdestotrotz wurden auch Situationen von hoher Fluktuation beschrieben, weil manche Mitarbeitende die Arbeit als einen ‹Job› ansehen würden, der gewechselt wird, sobald eine ‹bessere› Gelegenheit greifbar sei.

Wirtschaftliche Solidarität wird in manchen Fällen weiterhin praktiziert, z. B. in Form von ‹Sozialfonds›, die angefragt werden können, wenn jemand in einer besonderen Not ist, oder in Form von geteilter Pensionsvorsorge, geteilten Haushaltsbudgets, oder Anpassungen zwischen Haushalten je nach Bedarf. Um die Loslösung der Arbeit vom Einkommen auszudrücken – also die Arbeit zu dekommodifizieren –, zahlt ein Betrieb die Gehälter zu Beginn des Monats aus, ein anderer bezieht ‹Zeit› in das Soziale Hauptgesetz mit ein. Workshops, Höfe und Gärten tragen zum Wohlergehen der Gemeinschaft bei, ohne finanziellen Ausgleich.

Das Soziale Hauptgesetz wird auch außerhalb der ökonomischen Zusammenhänge erlebt: im Gemeinschaftsgeist, in der Teamarbeit, in inklusiver Entscheidungsfindung, in Konfliktbewältigung und in der gegenseitigen Unterstützung, die spürbar sind in unterschiedlichen Aspekten des Gemeinschaftslebens, und in den Köpfen und Herzen der Einzelnen, die jeden Morgen aufstehen, um den Bedürfnissen anderer, der Erde und der Gemeinschaft zu dienen. Insofern gilt das Soziale Hauptgesetz als Essenz des Gemeinschaftslebens und nicht nur im ökonomischen Sinne.

Einige wenige beschrieben in ihren Antworten, wie sich die Prinzipien des Sozialen Hauptgesetzes in der Art spiegeln, wie ihre Gemeinschaft mit anderen Gemeinschaften interagiere. Indem Kontakte mit lokalen und regionalen Versorgern geknüpft werden, Fairtrade gewählt und unterstützt, von Bio- und nachhaltigen Unternehmen gekauft, mit Organisationen zusammengearbeitet wird, die auch unterstützte und inklusive Arbeitsplätze, Fortbildungen und Praktika bieten, würden diese Prinzipien vom Unternehmen umgesetzt. Camphill-Gemeinschaften wirken außerdem durch ihre regionalen Verbände, die verwandte Initiativen und Gemeinschaften in anderen Regionen auf Basis von Solidarität und Geschwisterlichkeit unterstützen.

Die Camphill Academy (2) wird als regionale Ausbildungsorganisation auch assoziativ finanziert, nicht durch eine ‹Servicegebühr›. Sie ermöglicht Bildung durch eine Kombination aus Zuschüssen (Schenkgeld), solidarischer Finanzierung durch die Mitglieder-Gemeinschaften in den Regionen und einer Unterstützung der Studierenden durch ihre Gemeinschaften innerhalb eines ‹Stipendiums›, das auch die Verantwortung der Studierenden, ihre Gemeinschaft zu unterstützen, einbezieht. Auf der akademischen Seite wird dies gespiegelt durch die Selbstverpflichtung, externe Anerkennung zu gewährleisten. So entsteht ein Weg zu höherer Bildung, ohne Schulden, und gleichzeitig leisten die Studierenden einen Dienst für die Gemeinschaft durch Praktika und Teilnahme am Gemeinschaftsleben.

Frage 2: Wie nimmst du das Soziologische Grundgesetz in deiner Region oder in deiner Gemeinschaft wahr?

Die Antworten darauf zeigen, wie unterschiedlich die Art und Weise, wie Gemeinschaften die Bedürfnisse und die Entwicklung ihrer Mitglieder fördern, eingeschätzt wird. Grundsätzlich werden Gemeinschaften als Lern- und Entwicklungsräume angesehen. Dies bezieht sich auf das Leben und praktische Arbeiten, wo Gelegenheiten zum Voneinander-Lernen entstehen, zum Lernen, zusammen zu leben, für Toleranz und die Wertschätzung von Unterschieden und für die Sorge umeinander. Dies kommt zustande, wenn eine grundsätzliche Kultur der gegenseitigen Fürsorge und des Interesses am Wohlergehen des anderen besteht.

Interessanterweise wurde von manchen gerade die Entwicklung weg von gemeinschaftlichen, kollektiven Strukturen und Prozessen, wie die geteilten Finanzen und Wohnräume, hin zu eher ‹konventionellen› Ansätzen der Bezahlung oder des Wohnens als ein Schritt der Emanzipierung des Individuums vom Gemeinschaftsinteresse gelesen. Trotzdem wurde diese Emanzipierung des Einzelnen, wie sie das Soziologische Grundgesetz als natürlichen Entwicklungsweg beschreibt, auch in einigen Antworten mit ambivalenten Reaktionen beschrieben. Während manche einräumten, dass auch mit größerer ökonomischer Unabhängigkeit es möglich sei, frei zur Gemeinschaft beizutragen, äußerten andere die Sorge, dass durch den Fokus auf das Individuum über der Gemeinschaft etwas Essenzielles verloren gehen könnte.

Auf der Arbeit und in der geteilten Organisation des Haushalts scheint die Erfahrung, dass Individuen für die Gemeinschaftsbedürfnisse an einem Strang ziehen, am stärksten zu sein. Die Arbeitsorganisation richtet sich an den geteilten Bedürfnissen aus und das schafft ein Gefühl von Sinn, Teamgeist und Solidarität . Es ermutigt die Einzelnen auch dazu, ihre persönlichen Interessen für das Wohlergehen der Gemeinschaft beiseitezulegen.

Eine interessante Polarität wird deutlich, wenn diese Frage auf die Mitglieder der Gemeinschaft ohne Assistenzbedarf, die die Rolle der Mitarbeitenden innehaben, bezogen wird oder wenn die Bedürfnisse der Mitglieder mit Assistenzbedarf im Zentrum stehen. Viele Antworten betonten, dass, wenn es um die Mitglieder mit Assistenzbedarf ginge, es die Aufgabe der Gemeinschaft sei, sich um ihre individuellen Bedürfnisse so gut wie möglich zu kümmern. Tatsächlich bezogen einige sich dabei explizit auf die ‹Dienstleistungsfunktion› der Gemeinschaft und darauf, dass die Gemeinschaft vertraglich und durch die Bezahlung dazu verpflichtet sei, die Bedürfnisse der Individuen mit Assistenzbedarf zu unterstützen. In diesem Zusammenhang wurde es grundsätzlich als legitim angesehen, sich auf die Bedürfnisse des Einzelnen zu konzentrieren. Die Ambivalenz in den Antworten war viel größer, wenn es um die Lage von Mitgliedern ohne Assistenzbedarf geht. In manchen Fällen zeigte sich die Sorge, dass Gemeinschaften ihren Zusammenhalt verlieren könnten, wenn Rollen und Aufgaben stärker differenziert werden würden. Dadurch entstünde eine «Fragmentierung», die den einzelnen Mitgliedern mehr Freiheit in der Regelung ihres Lebens erlaube, aber auch zu einem Verlust von Gemeinsinn führen würde. Trotzdem gab es auch den Eindruck, dass in der Vergangenheit vielleicht «einige Mitglieder zu viel von ihrem Leben der Gemeinschaft geopfert haben» und dass diejenigen, die sich früher einmal auf die Gemeinschaft stützen mussten, später zu Recht den «Paternalismus der Gemeinschaft» abgelehnt hätten. Das könne sowohl Mitglieder mit als auch ohne Assistenzbedarf betreffen. Diese Emanzipation zuzulassen, setze eine offene Haltung voraus, «damit Emanzipation nicht als ein Verlust von Gemeinschaftsgeist, sondern als eine positive (Weiter-)Entwicklung des Einzelnen gesehen wird».

Um die mögliche Schrumpfung des gemeinschaftlichen Zusammenhalts auszugleichen, gaben einige Antworten einen Ausblick auf neue Engagements und Initiativen, die von den Einzelnen frei beigetragen werden könnten. Hierfür sind ein größeres Wissen und Verständnis davon nötig, wie man äußere Gesetze und Regulationen in die Sozialstrukturen der Gemeinschaft integrieren und ausgleichen kann, sodass diese nicht miteinander konkurrieren und sich schließlich gegenseitig zerstören. Allgemein wurden äußere politische und regulierende Kräfte, über die die Gemeinschaften keine Kontrolle haben, für die Verschiebung weg von gemeinschaftlichem Zusammenhalt hin zur Individualisierung verantwortlich gemacht. Bestätigt wurde, dass ältere, etabliertere Gemeinschaften eher den Einzelschicksalen Raum geben könnten als junge Pionierinitiativen, wobei im Allgemeinen das Tempo, die Intensität und die nicht-lineare Struktur von Veränderungsprozessen als etwas erlebt wurden, das nicht aktiv gelenkt und geformt werde, sondern das «uns widerfährt» und womit die Gemeinschaft umgehen müsse.

Um diesen Prozess aktiv zu gestalten, Gleichgewicht zu wahren und eine Integration von Gemeinschaft und Einzelbedürfnissen zu schaffen, sind große Hingabe, ein höheres Bewusstsein, die Fähigkeit zu hinterfragen, achtsam zu sein und zu reflektieren, was geschieht, ebenso notwendig wie eine klare Intention. Eine Person beschrieb diese Prozesse als «sehr aufwendig», sie würden «eine neue Weite» und «grundlegende Schritte in Richtung» von mehr Inklusivität verlangen, die beim Individuum beginnen. Dies kann entstehen, wenn ich bemerke, dass Gemeinschaft zu schaffen Teil meiner eigenen Berufung und meines Strebens ist.

Das kann so weit gehen, dass das, worauf ich innerhalb der Gemeinschaft hinarbeite – sei es das Wohlergehen meiner Nächsten, der Landschaft, der Kultur – sinnstiftend ist und mit meinem persönlichen Streben resoniert, und so die Bedürfnisse der Gemeinschaft und die Entfaltung meines eigenen Schicksals sich aneinander ausrichten. Wenn das gelingt, wird aus der Gemeinschaft eine Arbeitsgruppe, eine Gemeinschaft von Menschen, die gemeinsam schaffen, lernen und in diesem Prozess wachsen. Dann kommen die Bedürfnisse des Einzelnen und die des Zusammenhangs in ein Gleichgewicht.

In einer Gemeinschaft wurden die zunehmende Individualisierung und die wachsende Komplexität, die durch das Soziologische Grundgesetz beschrieben werden, so aufgefasst, dass ein struktureller Wandel und eine neue Art der Führung in der Gemeinschaft nötig seien. Als Gefäße für eine solche Transformation, die mehr Differenzierung und Selbstführung neben der Erhaltung des Ganzen erlaubt, wurden Wege der geteilten Leitung mit sich selbst organisierenden Teams sowie die Verteilung von Verantwortung auf Grundlage von Fähigkeiten und Ressourcen, genannt. Eine solche Vielfalt von Rollen und Menschen, die Entscheidungen eigenverantwortlich in klar abgesteckten Verantwortungsbereichen treffen, verlangt bessere Kommunikationsfertigkeiten, erlaubt aber gleichzeitig auch, dass individuelle Initiativen, Anliegen und Kapazitäten sich entfalten. Das gilt gleichermaßen für diejenigen, deren Rolle es ist, Unterstützung zu geben, wie für die Selbstführungsfähigkeiten derjenigen, die unterstützt werden und die eine Entscheidungsautorität über ihr eigenes Leben besitzen.

Die Camphill Academy zeigt als Ausbildungs- und Bildungseinrichtung auf, wie sie versucht, die Freiheit und Autonomie ihrer Studierenden durch Akkreditierungsverfahren und die Möglichkeit, universitäre Leistungen zu erbringen, zu erweitern. So entsteht ein Bildungsweg, der zwar in der Gemeinschaftserfahrung begründet ist, die Auszubildenden aber nicht an diese Gemeinschaft bindet, sondern darüber hinaus ihnen Möglichkeiten gibt, ihrem eigenen Schicksal zu folgen, auch außerhalb von Camphill. Das wird bewusst als eine Geste der Unterstützung des Individuums und dessen Freiheit angesehen. Es ist auch klar, dass dies im Einklang mit dem Bedürfnis der Gemeinschaft stehen muss, die den Lernraum zur Verfügung stellt, und doch wird die Rolle der Akademie als zurecht auf den Entwicklungsweg des Individuums konzentriert angesehen.

Frage 3: Wie nimmst du das Geistige Gesetz in deiner Region oder in deiner Gemeinschaft wahr?

Viele Antworten beschreiben Spiritualität als etwas sehr Intimes, aber auch als etwas, das in Gemeinschaften lebt – entweder als Kraft oder in verzerrter Weise als Keil, der Menschen auseinandertreibt. Es wurde bemerkt, dass es eine Menge Verwirrung im Bereich der Spiritualität gibt, sowohl auf der persönlichen als auch auf der gemeinschaftlichen Ebene. Einerseits kann sich etwas Heuchlerisches einstellen, wenn ein falsches Gefühl der Überlegenheit entsteht, und andererseits können Rituale und gemeinschaftliche Praktiken entleert sein und zu bedeutungslosen Darstellungen verkommen.

In Gemeinschaften, die eine gemeinsame spirituelle Praxis pflegen, gibt es die Tendenz, zu einer Insel zu werden und sich vom Rest der Welt abzuwenden. Aus vielen der Antworten lässt sich ablesen, dass Camphill davor nicht gefeit sei und es zwei Gesten geben würde, die dieser Tendenz etwas entgegensetzten. Erstens helfe die Erkenntnis, dass jedes geistige Streben hoch individuell sei und jeder Mensch einen einzigartigen Weg habe. Zweitens sei als Gemeinschaft gesund, sich mit anderen Gemeinschaften, die andere Praktiken haben, zu vernetzen und sich mit der größeren lokalen und globalen Gemeinschaft zu verbinden und auszutauschen.

Eine ‹geistige Qualität› kann in vielen Gemeinschaften wahrgenommen und erlebt werden. Zeugnis von dieser Qualität gaben die Befragten selbst, aber auch die Kommentare von Besucher:innen. Intentionalität, Servicebereitschaft und die Suche nach Sinn sowie das Vertrauen in die Bedeutung des individuellen Schicksals sind Elemente, die laut der Befragten dazu beitrügen . Menschen, die einige Zeit in einer Gemeinschaft verbracht haben, kämen verändert und transformiert wieder aus ihr heraus. Sie erlebten ein persönliches Wachstum und zögen mit neuer Stärke und neuen Fähigkeiten weiter.

Es handelt sich dabei immer um einen einzigartigen Weg, der nicht von außen herbeigeführt werden kann. Aber die Gemeinschaft kann durch ihre großzügige Hinwendung zu Kultur, Festen, Kreativität und mit ihrem Raum für innere Entwicklung wie ein Inkubator wirken. Von Mensch zu Mensch sind Dialog und Begegnung wesentlich und können dazu führen, dass wir das Heilige im anderen erfahren. Diese Momente zu erkennen, setzt Interesse am anderen voraus. «In unerwarteten Momenten zeigt sich das Geistige, weil wir ihm eine Gelegenheit dazu geben.» Gemeinschaften können solche Momente nähren.

Viele Gemeinschaften beschrieben, wie sie die Art und Weise, Feste zu feiern oder für Rituale zusammen zu kommen, zu erneuern versuchen. Alles, was als konfessionell erlebt wird, bestimmte Glaubenshaltungen voraussetzt oder an eine religiöse Tradition anlehnt, würde zunehmend zur Herausforderung. Das verstärke sich noch, je mehr Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen Teil von Camphill sein würden oder damit interagieren. Es läge aber auch an einem allgemeinen Ringen mit traditionellen religiösen Formen, Motiven oder Bildsprachen. Während alle Befragten die Berechtigung dieses Ringens einsahen, finden manche es immer schwieriger, mit anderen über ihr geistiges Streben und ihre Erfahrungen zu sprechen, wenn sie die Sprache und Bilder verwenden, die für sie über lange Zeit wichtig geworden sind. Diese Trennung wird auf beiden Seiten schmerzhaft erlebt. Wie man das überwindet und wie man Gemeinschaftsräume und -praktiken für geteilte Spiritualität schafft, die inklusiv sind, Vielfalt einladen und trotzdem nicht willkürlich oder oberflächlich werden, ist eine Herausforderung, vor der sich viele sehen. In Fällen, in denen die Leitung oder Führung der Gemeinschaft an Spiritualität nicht interessiert sind, wird es schwerer, dieser Frage überhaupt nachzugehen. Dies betrifft jedoch nur einige Fälle, die meisten Befragten sprachen über eine aktive Suche. Viele berichteten von Beispielen, in denen sich die spirituellen Praktiken ihrer Gemeinschaften verwandeln. Hier öffnet sich ein Experimentierfeld: neue Jahresfeste, Neuentwicklung von Ritualen, die Abschaffung von konfessionell geprägter (Bild-)Sprache oder die Integration einer Vielfalt von Sprachen, Formen, Bildern unterschiedlicher Herkunft – es gibt keine einfache Antwort, aber hier zeigten sich Elemente, mit denen viele der Befragten arbeiten.

Wahlfreiheit und Freiheit, sich selbst auszudrücken, sind starke Leitlinien in diesem Bereich. Eine Gemeinschaft beschreibt das als «Ständiges-in-Bewegung- und -in-Entwicklung-Sein hin zu mehr Offenheit und Bejahung jedes Individuums». Die Entwicklung neuer Praktiken sei absichtlich partizipatorisch gestaltet und bestünde aus der gegenseitigen Beratung und dem Dialog aller Beteiligten. Eine andere Gemeinschaft beschrieb: «Das ist zurzeit unsere größte Herausforderung – das Alte kann so nicht fortbestehen und das Neue ist noch nicht klar erkennbar. Aber zusammen mit den Bewohner:innen suchen wir neue Arten von Zusammenkünften und spirituellen Wegen, die in ihren Bedürfnissen und Fragen gründen.»

In einem Ausbildungszusammenhang, der anthroposophisch geprägt ist, bestätigt auch die Camphill Academy, dass es herausfordernd sei, eine auf eine bestimmte Spiritualität ausgerichtete Orientierung mit der Offenheit und Inklusivität auszugleichen, die notwendig sind, um wirklich «universell menschlich» zu sein: «Wie können wir in einer Ausbildung, die zu einem wesentlichen Teil aus anthroposophischem Inhalt besteht, sicherstellen, dass wir nicht einen sich schließenden Kreis um die ‹Anthroposophie› als einen vorzuziehenden Weg zu Wissen und Entwicklung bauen?»

Zumindest ein Teil der Antwort scheint auch hier darin zu bestehen, zeitgenössisch zu sein, den Dialog zu suchen und im umfassenden Austausch mit der Zeit und der Welt, in der wir leben, zu bleiben.

Synthese der Antworten nach dem Treffen

Frage 1: Bitte teile uns Einsichten, Perspektiven, Reflexionen und/oder Fragen mit, die du zum Sozialen Hauptgesetz gewonnen hast, einschließlich inwiefern dies in deiner Gemeinschaft und/oder Region relevant ist.

Die Antworten der Teilnehmenden nach dem ‹Movement Group Meeting› heben einige Schlüsselerkenntnisse zum Sozialen Hauptgesetz hervor. Alle konnten bestätigen, dass das vertiefte Verständnis des Sozialen Hauptgesetzes – als ein wirkendes Prinzip des gemeinschaftlichen Wohlergehens und nicht als eine normative Vorgabe – ein hilfreiches, erkenntnisreiches und sogar inspirierendes Instrument sein könne, um Beziehungen und Handhabe in ihren eigenen Gemeinschaften zu verstehen. Die Ausrichtung des gemeinschaftlichen Bewusstseins und der Praxis am Sozialen Hauptgesetz ermöglicht einen freien Strom von individuellen Fähigkeiten, Kapazitäten, Engagement und Begabungen in Richtung der gemeinsamen Ziele und Bestimmung der Gemeinschaft: den Anderen und den echten, gegenwärtigen Nöten in der Gesellschaft und Welt zu dienen.

Es entstand die Frage nach äußeren Praktiken und Wegen für eine gemeinsame Bewusstseinsentwicklung, die zwei Dinge entwirren, die im modernen Bewusstsein und in den Arbeitsabläufen schnell vermischt werden: (1) Wer übernimmt welche Rollen und Aufgaben, um unser gemeinsames Ziel zu erreichen; und (2) Wie verteilen wir die Ressourcen, die uns aus unserer Umgebung zufließen, damit wir weiterhin auf unser gemeinsames Ziel hinarbeiten können?

Während die jeweiligen Gemeinschaftspraktiken vom Kontext abhängen, ist gegenseitiges Vertrauen eine grundlegende Voraussetzung, damit eine Gemeinschaft aus einem gemeinsamen Ziel heraus arbeiten kann und individuelles Talent, Schicksal und Berufung erkennt, zulässt, dass diese Gaben frei im Dienst des Ganzen fließen, und jedes Mitglied so unterstützt, dass dieser freie Fluss von Gaben in Richtung des Ziels möglich wird. Dieses Vertrauen, und das Gewebe der Mensch-zu-Mensch-Beziehungen, das dieses ermöglicht, setzen gemeinschaftliche Praktiken eines fortlaufenden Dialogs voraus, der den gemeinsamen Sinn mit Hinblick auf die tatsächlichen und die entstehenden Bedürfnisse der Gesellschaft immer wieder neu bildet. Dafür braucht es offene Kommunikation, Fähigkeiten zur Konfliktbewältigung und echtes Interesse und Glauben aneinander. Ohne diese funktioniert weder die gemeinsame Zuordnung von Aufgaben und Verantwortungsbereichen noch die Verteilung der Ressourcen für den Lebensunterhalt, das Wohlergehen, die Motivation und das Wachstum der einzelnen Mitglieder.

Frage 2: Bitte teile uns Einsichten, Perspektiven, Reflexionen und/oder Fragen mit, die du zum Soziologischen Grundgesetz gewonnen hast, einschließlich inwiefern dies in deiner Gemeinschaft und/oder Region relevant ist.

In den Reflexionen über das Soziologische Grundgesetz machen die Teilnehmenden deutlich, dass dieses Prinzip für Camphill herausfordernd sei und einer Vertiefung und weiteren Studiums bedürfe. Es entstand der Eindruck, dass Camphill bisher dazu tendierte, das Opfer des Individuums für die Gemeinschaft in hohem Maße wertzuschätzen, manchmal sogar bis hin zu Burnout oder anderen negativen Folgen für Einzelne oder Familien. Es ist eine Aufgabe, herauszufinden, wann eine innere Haltung und Ausrichtung, die in der Pionierphase eines Impulses richtig ist, sich verändern muss – und wie das möglich ist, so dass die Gegenseitigkeit und gegenseitige Abhängigkeit zwischen Individuum und Gemeinschaft respektiert werden.

Manche Teilnehmenden haben ein verbleibendes Unbehagen ausgedrückt, aus Sorge, dass, wenn man die Schlussfolgerungen aus der Annahme dieses Gesetzes umsetzte, die Gemeinschaft vollständig verloren ginge. Andere wiesen darauf hin, dass man den Kontext, in dem Steiner das Soziologische Grundgesetz formulierte, mehr mitdenken müsse. Es war eine Antwort auf den wachsenden Sozialdarwinismus, den Steiner als falsche Schlussfolgerung bezeichnete, die auf fehlerhaftem Denken über eine richtige Beobachtung beruhe. So gesehen bestätigt das Soziologische Grundgesetz den Anstieg der «Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen», hebt aber auch hervor, dass diese nur zur Erscheinung kommen und unterstützt werden können in einem wechselseitigen Kontext, der die Formen der Gemeinschaftsbildung so mitentwickelt, dass diese einzelne Wege und biografische Entwicklung unterstützen und ermöglichen können.

Wie können wir uns eine starke und von Zusammenhalt geprägte Gemeinschaft vorstellen, die ihre Weisungen dadurch empfängt, dass sie die Schicksale und Ziele jedes Individuums in ihr wahrnimmt und sich darauf ausrichtet, diese einzelnen Lebenswege zu ermöglichen, anstatt sie durch die Bedürfnisse der Gemeinschaft zu unterbinden? Dazu scheint es nötig, dass wir die Realität und Berechtigung der ‹anti-sozialen› Kräfte unserer Zeit annehmen, sodass diese innerhalb des Gemeinschaftslebens ihren Platz finden. Dazu müssten Camphill-Gemeinschaften weit stärker aus ihrer Komfortzone hervorkommen und die Diversität der Individuen viel stärker bejahen, als es bisher oft der Fall war. Dafür brauchen wir soziale Praktiken, Formen und Methoden, die den Individuen erlauben, in der Gemeinschaft sichtbar zu werden, zu glänzen und mit ihren Begabungen, Intentionen und Zielen Anerkennung zu finden. Selbst in geteilten Gemeinschaftsprozessen sollte das Ich im Wir nie verloren gehen. Bewusst an der Innen-Außen-Umstülpung der Beziehung zwischen Individuum und Gemeinschaft zu arbeiten, könnte ein neuer Schritt in der Entwicklung der Camphill-Bewegung sein und nicht nur für einzelne Gemeinschaften.

Die Teilnehmenden hoben hervor, dass es ihnen helfe, diesen Prozess in Entwicklungsphasen zu betrachten. Daran entstand die Frage, ob es hilfreich wäre, Camphill-Gemeinschaften, die an unterschiedlichen Entwicklungspunkten innerhalb der Camphill-Bewegung stehen, mehr als Ressource zu betrachten, sodass jüngere Gemeinschaften von gestandeneren lernen könnten (und möglicherweise auch umgekehrt). Gemeinschaftliche Ansätze wie die Fort- und Ausbildung von Mitgliedern nach ihren eigenen Interessen und ihrer Berufung, anstatt nach Gemeinschaftsbedürfnissen, wurden als Beispiele hervorgehoben, wie Gemeinschaften praktisch «die freie Entwicklung der Bedürfnisse und Kräfte des Individuums» unterstützen könnten. Dafür braucht es aufrichtiges und offenes Interesse am Individuum, aktives Zuhören und die Zurückhaltung von Gemeinschaftsinteressen, damit die Gemeinschaft wahrnehmen kann, was im Einzelnen lebt, sich daran anpassen und ihre Ressourcen entsprechend zur Verfügung stellen kann.

Frage 3: Bitte teile uns Einsichten, Perspektiven, Reflexionen und/oder Fragen mit, die du zum Geistigen Gesetz gewonnen hast, einschließlich inwiefern dies in deiner Gemeinschaft und/oder Region relevant ist.

Dieses Gesetz erhielt während des Treffens der Movement Group die geringste Aufmerksamkeit. Dennoch bemerkten mehrere Teilnehmende, dass sie das Treffen selbst so wahrnahmen, dass es, mit seiner kosmopolitischen Vielfalt von Hintergründen, Perspektiven und der offenen Atmosphäre von geteilten Fragen und Reflexionen, gegenseitigem Zuhören, des Voneinanderlernens und der gleichzeitigen gelebten Erfahrung von geteilter Absicht und Bestrebung, die innere Geste des Geistigen Gesetzes verkörperte. Manche kontrastierten diese Beobachtung mit der Wahrnehmung, dass Camphill-Gemeinschaften (und andere anthroposophische Organisationen) dagegen dahin tendierten, zu der erwähnten «Art von Gruppen-Ego» zu werden, das ein Entwicklungshindernis darstelle.

Die Betrachtungen kreisten um die Frage: Was müssen wir in unseren Camphill-Gemeinschaften in Bezug auf Spiritualität, unsere gemeinsame Mission, unsere Vision und unser Ziel und die Gemeinschaftspraktiken, die diesen Anliegen Raum geben, heute entwickeln? Einige Teilnehmende hoben hervor, dass es wichtig sei, sicherzustellen, dass das Ziel der Gemeinschaft mit den Bedürfnissen der weiteren Mitwelt verbunden bliebe. Die wachsende kulturelle Vielfalt innerhalb von Gemeinschaften wurde eindeutig als Bereicherung und Quelle von Stärke und Inspiration erlebt. Es fordert die Gemeinschaften heraus, immer offener für Vielfalt zu werden, sich anzupassen, ohne die Möglichkeit für einen geteilten Fokus und gemeinsame Intentionen zu verlieren. Die beiden vorausgehenden Gesetze wurden von manchen als Voraussetzungen dafür erlebt.

Wenn Spiritualität im Grunde eine Sache der individuellen, persönlichen Orientierung und Praxis ist, wie sähe dann eine Gemeinschaft aus, in die das als Geschenk einfließen kann und in der die Spiritualität jedes einzelnen Mitglieds zu einer Säule für das gemeinsame Ziel, die Mission und Vision der ganzen Gemeinschaft wird? Dafür braucht es eine Kultur des gemeinsamen Suchens, Findens, Teilens und dass die Einsichten und Entdeckungen des Einzelnen anderen nicht aufgedrängt werden, sondern als Inspiration sichtbar werden können . Welche Formen und Praktiken in der Gemeinschaft ermöglichen das? Und welche Rolle spielt die Anthroposophie dabei?

Methoden von Führung, Fallstudien (mit Bezug auf die beruflichen Dimensionen von direkter Unterstützung, Bildung und Pflegearbeit) und Gemeinschaftspraktiken wie die Jahresfeste und Rituale wurden als zentrale Elemente benannt, die – bei richtiger Anwendung dieses Gesetzes – dazu beitrügen, sich gemeinsam geistig im Universell-Menschlichen, wie einem spirituellen Humanismus, zu verankern, was in der eigenen geistigen Praxis, ohne Vereinheitlichung oder eine Erfahrung von ‹Gruppen-Ego› gründen würde.

Eine Person stellte explizit die Frage, ob das Prinzip, das durch das Geistige Gesetz beschrieben würde, ein Schlüssel sei, um zu verstehen, was heute mit Camphill geschehe. Eine weitere Person fügte hinzu, dass der Kontext, in dem Steiner das Geistige Gesetz formuliert hat – nämlich während der Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft in Großbritannien 1923 – eine Rolle spiele . Zu dieser Zeit stellte Steiner die Frage: Wie kann eine Gruppe von Menschen mit einem gemeinsamen spirituellen Auftrag, sich ihrer Aufgabe stellen und sie erfüllen in einer Welt, in der diese Mission kompromittiert werden wird, um zu überleben? In anderen Worten: Wie halten wir die Spannung aus zwischen der Klarheit des höheren Ziels, die für die Erfüllung dieses Dienstes an der Welt nötig ist, und den Lebensrealitäten, die verlangen, dass dieses gemeinsame Streben in das volle Leben eingebettet wird, sich dem Dienst an der Menschheit zur Verfügung stellt, ohne dass der Beitritt zu einer spirituellen Gruppe zur Voraussetzung für die Erfüllung seines Potenzials wird? Das stellt die Frage nach der inneren Konstitution der Gemeinschaft, die sich einer Aufgabe widmet, und ihren Bezügen zum größeren Umfeld, in dem die Gemeinschaft lebt (letztlich ist das die gesamte Menschheit). Viele Teilnehmende drückten den Wunsch aus, diesen Fragen in nächsten Treffen weiter nachzugehen.

Fazit

Wenn man zurückblickt auf die Gedanken der Teilnehmenden zu den drei sozialen Prinzipien von Steiner mit Bezug zu ihrer Erfahrung im Camphill-Gemeinschaftsleben, treten einige Beobachtungen hervor. Insgesamt kam es zu einer Klärung zwischen den Perspektiven vor dem Treffen und den Einsichten nach dem Treffen. Die Teilnehmenden des Treffens gaben an, dass sie die sozialen Prinzipien jetzt als Beschreibungen grundsätzlicher, vorliegender Prinzipien in sozialen und gemeinschaftlichen Prozessen sähen, anstelle von normativen Vorschriften. In der gleichen Art, wie die ‹Naturgesetze› organisierende Prinzipien für die physischen, materiellen Prozesse beschreiben, schlug Steiner die ‹sozialen Gesetze› vor, um auf die unterliegenden Dynamiken in unterschiedlichen, zugrundeliegenden sozialen Entwicklungen und Gemeinschaftsphänomenen hinzuweisen und für diese eine Erklärung in allgemeinen Begriffen anzubieten.

Wie Naturgesetze werden diese Ansätze durch echte Beobachtungen auf ihre Richtigkeit geprüft. Zugleich geben sie nicht vor, was getan werden ‹sollte› oder schreiben eine bestimmte Praxis vor. Sie zeigen lediglich die natürlichen Konsequenzen auf, die zu erwarten sind, wenn Gemeinschaftspraktiken mit dem einen oder anderen dieser sozialen Grundprinzipien übereinstimmen oder nicht. Wenn diese zutreffend sind, dann sollten sie berücksichtigt werden, wenn man ein bestimmtes gemeinschaftsbildendes Ziel oder eine solche Intention hat (wie z. B. das Wohlergehen des Einzelnen und der Gemeinschaft, oder dass die Gemeinschaft letztlich im Dienst der Menschheit als Ganzes handelt). Jedoch legen die Prinzipien nicht dar, was eine Intention oder ein Ziel einer spezifischen Gruppe von Menschen sein sollte oder welche Gemeinschaftsformen und -praktiken die Arbeit einer bestimmten Gruppe mit diesen Prinzipien in den konkreten Lebensumständen in Einklang bringen würden . Diese Antworten müssen notwendigerweise auf kreative Art von den Menschen, die zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort zusammenarbeiten, gefunden werden.

Unter den drei diskutierten Prinzipien war die Beziehung zum Sozialen Hauptgesetz – wenn es in diesem Sinne verstanden wurde – unstrittig. Die vorgeschlagene Idee machte intuitiv Sinn, nämlich: Es hilft der Gemeinschaft und dem Wohlergehen der Individuen, angemessen zu differenzieren, wie – in einer Gemeinschaft, die für das größere Ganze arbeitet –Verantwortlichkeiten und Arbeit zugewiesen und aufgeteilt werden, und wie die Erträge, die aus der Umgebung an die Gruppe zurückfließen, so verteilt werden, dass ein guter Lebensunterhalt ermöglicht wird. Viele haben dies als ‹Dekommodifizierung der Arbeit› begriffen, die ein wünschenswertes Ziel sei.

Gleichzeitig wurde klar, dass es in Anbetracht der Einschränkungen durch diverse soziale und ökonomische Realitäten, Systeme, Kulturen und Regulationen, hier kreative Lösungen braucht, die nicht einheitlich sein können und sich mit der Zeit entwickeln. Als dies einmal klar war, entstand ein deutliches Gefühl der Berechtigung, nach einzigartigen, kontext-bezogenen Gemeinschaftspraktiken zu suchen, ohne das Gefühl, die ‹Camphill-Werte› zu leugnen. Es ist eine Frage von Bewusstsein und von Form und Handhabe. Auf Basis dieser Erkenntnis drückten die Teilnehmenden ihren Wunsch aus, sich weiterhin über Prototypen und Praktiken auszutauschen und im übergreifenden Erfahrungsaustausch zwischen unterschiedlichen Camphill-Strukturen und Zusammenhängen voneinander zu lernen.

Das Soziologische Grundgesetz führte zu sehr viel mehr Ambivalenz. Diese konnte auch in den Antworten nach dem Treffen nicht vollständig aufgelöst werden . Einerseits sprach sich ein Empfinden aus, dass die Camphill-Kultur möglicherweise dazu tendiere, die Werte und die Narrative, die in der Pionierphase angemessen seien, festzuhalten und das ‹Opfer des Einzelnen für die gemeinsame Sache› zu betonen, wodurch Gemeinschaftsbedürfnisse über dem Wohlergehen des Einzelnen stünden. In dieser Hinsicht wird die sichtbare Verschiebung, weg von diesem Denken hin zu einer größeren Anerkennung der Berechtigung und Angemessenheit ‹antisozialer› Bedürfnisse nach Raum und Autonomie des Individuums, als gutes Zeichen der Reifung gesehen. Andererseits stellten einige Teilnehmende infrage, ob das Soziologische Grundgesetz mit den idealen von Camphill vereinbar sei, und ob es – wenn man ihm freien Lauf ließe – nicht zur Auflösung der Gemeinschaft und vollständiger individueller Isolation führen würde.

Insgesamt überwog der Eindruck, dass dieses Prinzip noch nicht voll verstanden wurde und weiterer Erklärung bedürfe. Prozesse, in denen die Gemeinschaft aktiv dem Individuum zuhört, um dessen biografische Motive und Intentionen zu verstehen (z. B. bei einer Anfrage für eine Fortbildung) und sich dann dafür organisiert und die Ressourcen bereitstellt, lieferten praktische Beispiele, wie eine Gemeinschaft, anstatt sich aufzulösen, individuelles Wachstum und Entwicklung ermöglichen kann, unter Wahrung des Zusammenhalts rund um das gemeinsame Ziel, jeden Einzelnen bei der Verfolgung seines Lebensweges zu unterstützen. Eine klare und gemeinsam getragene Hinwendung zu der gemeinsamen Aufgabe des Dienstes in der Welt, über die Bedürfnisse der Gemeinschaft selbst hinaus, kann auch eine Quelle für Zusammenhalt sein, die dieses Dilemma löst. Letztlich erscheint das Soziologische Grundgesetz als Thema, das noch mehr Vertiefung in zukünftigen Treffen und anderem Rahmen braucht.

Auf der anderen Seite schien das Geistige Gesetz kaum inneren Widerstand auszulösen. Es herrschte Einigkeit darüber, dass kulturelle Vielfalt und Offenheit gegenüber unterschiedlichen spirituellen Orientierungen das Gemeinschaftsleben bereicherten und ein angemessenes Ziel und eine angemessene Geste für unsere Zeit darstellten. Dies gab jedoch Anlass zu einigen Überlegungen hinsichtlich der zugrunde liegenden Spannung: Wie kann eine Gemeinschaft den notwendigen Zusammenhalt und die Einigkeit bewahren, die erforderlich sind, um gemeinsame Ziele in der Welt, im Dienst für die gesamte Menschheit, zu erreichen, und gleichzeitig die Offenheit pflegen, die für eine solche wahrhaft universalistische Ausrichtung notwendig ist? Dies stellt sich als grundlegendes Paradoxon jeder Art von spirituellem Humanismus heraus: Er muss kohärent und fokussiert sein, um wirksam zu sein, und gleichzeitig müssen sein Fokus und seine Kohärenz eine universell-menschliche, kosmopolitische und integrative Ausrichtung verkörpern, um der Entwicklung der Menschheit zu dienen und nicht in ihrer Wirkung und ihren Ergebnissen sozial zerstörerisch zu werden . Die Teilnehmenden räumten ein, dass das Geistige Gesetz während dieses Treffens am wenigsten Beachtung gefunden hatte, betonten jedoch, dass der Geist des Treffens selbst, sein Kosmopolitismus, seine Offenheit für Vielfalt, gepaart mit einem starken Gefühl der gemeinsamen Zielsetzung und Absicht, als erfolgreiches Beispiel für die Qualität der Gemeinschaft diente, die dieses Gesetz fordert.


Übersetzung aus dem Englischen: Franka Henn

Fußnoten:

(1) Jaeyong Chois Beitrag zu Camphill in Korea basiert auf einer Präsentation an dieser Tagung. Aufnahmen davon und von anderen Präsentationen stehen hier zur Verfügung (auf Englisch): https://camphill.sutra.co

(2) Die Camphill Academy ist eine Berufsbildungs- und Ausbildungsorganisation von Camphill in Nordamerika. (https://camphill .edu)

 

Literatur:

Choi, J. (2025). Remembering and renewing community [Gemeinschaft bewahren und erneuern]. Anthroposophic Perspectives in Inclusive Social Development, 4-2025, 16-23.

Kimmerer, R.W. (2015). Braiding Sweetgrass: Indigenous Wisdom, Scientific Knowledge, and the Teachings of Plants . Minneapolis: Milkweed Editions.

McKanan, D. (2020). Camphill and the Future. Spirituality and Disability in an Evolving Communal Movement. Oakland: University of California Press.

Steiner, R. (GA 31, 1989). Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887-1901. Dritte Auflage. Aufsatz 60: Freiheit und Gesellschaft (251-262). Dornach: Rudolf Steiner Verlag.

Steiner, R. (GA 34, 1987). Lucifer-Gnosis. 2. Auflage. Geisteswissenschaft und soziale Frage (191-221). Dornach: Rudolf Steiner Verlag.

Steiner, R. (GA 259, 1991). Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft. 1. Auflage. Versammlung zur Konstituierung der englischen Landesgesellschaft. Ansprache vom 2. September 1923 (603-613). Dornach: Rudolf Steiner Verlag.


Jan Göschel
Jan Göschel

Dr. Jan Göschel ist Leiter der Sektion für Heilpädagogik und inklusive soziale Entwicklung am Goetheanum und Präsident der Camphill Academy in Nordamerika. Er ist Chefredakteur der Perspectives.