Autor: Hartmut Rosa
Verlag: Suhrkamp (2026)

Obwohl erst im März 2026 erschienen, haben die Aussagen von Hartmut Rosa aus diesem Buch bereits große Verbreitung (1) gefunden. Was vermutlich vor allem daran liegt, dass sie unmittelbar an Alltagserfahrungen anschließen (Kapitel II «Beim Arzt, in der Bahn, in der Schule, am Skilift und auf dem Mofa: Schauplätze der Transformation»). Er beschreibt anhand lebendiger Beispiele die Entwicklung «vom Handeln zum Vollziehen» (S. 7) – und liefert damit vielfältige Anknüpfungspunkte, die quasi jede:r in fast jedem Kontext mit einem «ja, genau so erlebe ich das auch» kommentieren kann.
Rosa erläutert und definiert, was genau er damit meint: «[…] Handeln bedeutet, in einem komplexen und oft vieldeutigen Interaktionsgeschehen über Spielräume zu verfügen, welche den Einsatz von Urteilskraft verlangen, die wiederum auf Erfahrung beruhen […]» (S. 11), während Vollziehende «[…] einem Protokoll folgen oder sich von Vorschriften und Algorithmen leiten lassen, welche gegenüber ihren Situationsdeutungen und moralischen Urteilen immun sind.» (S. 10)
Inhaltlich möchte ich die Darstellung und Überlegung aus dem Buch gar nicht weiter nacherzählen, sondern in Bezug setzen zum Feld der sozialen Arbeit. Denn dort ist all dies auch – und mit besonders gravierenden Folgen – intensiv erlebbar.
Letztlich geht es um die Kernfrage, was z. B. Wege zur Qualität «Beziehungsdienstleistung» (2) nennt: Wie lassen sich Arbeitsverhältnisse gestalten, in denen es einerseits ein (Macht-, oder Fähigkeits-)Gefälle des ‹Leistungserbringers› gibt und andererseits ein menschliches Gegenüber (oft fälschlicherweise ‹Leistungsempfänger› genannt) selbst einen Beitrag leisten, eine Aktivität, eine Entwicklung, einen Lernschritt an und mit sich vollziehen muss, damit eine Wirkung eintritt?
Damit ist das im Buch geschilderte Dilemma schon beschrieben: vordefinierte Prozesse, die entweder keine (besonders umfassend bei IT-Prozessen erlebbar) Alternative zulassen, damit aber die Besonderheit einer Lebenssituation ignorieren müssen (von Rosa als «Konstellation» bezeichnet), oder andererseits «Situationen» (Rosa), in denen individuell beurteilt und gehandelt werden kann, sich dadurch aber prinzipiell Möglichkeiten von Missbrauch und Willkür auftun, da vor-definierte und nach-vollziehbare Prozessschritte nur unvollkommen abstrakt im Vorhinein beschrieben werden können. Beides hat Konsequenzen und wird im Buch sowohl dokumentiert als auch analysiert und systematisiert.
Schon länger lässt sich beobachten, dass die Finanzierer von Sozialer Arbeit (Schulen, Alters-, Behinderten-, Pflegeheime, Spitäler etc.) – in Europa meist Behörden – durch «Bürokratie» oder Mikromanagement («Konstellationen» nach Rosa) versuchen, dieser sozialen Realität nach ihrem Verständnis «Effizienz aufzuzwingen», aber letztlich weder das erreichen noch größere Zufriedenheit bei den Beteiligten.
Zwei Aspekte haben mich besonders beeindruckt:
Die Hintergründe des römisch-rechtlichen Richterrechts, in dem Rosa das Prinzip beschreibt – und da sehe ich eine klare Analogie zur Sozialen Arbeit –, dass Richter:innen eben nicht zwingend dem durch Gewaltenteilung erzeugten Recht folgen müssen, sondern individuell-situativ Kraft ihrer ‹Urteilsfähigkeit›, Persönlichkeit und Lebenserfahrung eine Art Auslegung vornehmen müssen und sodann erst zu einem Urteil kommen: mit «Augenmaß und Fingerspitzengefühl». Diese Phrase wiederholt Rosa mindestens fünfmal in seinem Buch – und hat somit für ihn eine zentrale Bedeutung.
Dem kann ich unmittelbar folgen, denn genau das ist Kern jeder Sozialen Arbeit: in Abwägung der Gesamtverhältnisse, der Begegnung mit einem Gegenüber und der eigenen Kompetenz zu handeln oder zu unterlassen. Allerdings auch im Bewusstsein, dass es – quasi als Ausgleich zur Handlungsfreiheit – Reflexionsschleifen braucht, die dem Risiko der «[…] Ausübung humaner Weisheit korrupte Machtinteressen oder gar sadistische Neigungen […]» (S. 111) entgegenwirken.
Und: «Emotionen […] als energiegeladene Seite des Handelns […]» (S. 163). Auch dieser Effekt ist nicht zu unterschätzen: Vordefinierte Prozesse verlangen eben nicht, persönlich/emotional involviert zu sein, sondern wiederholbar unabhängig von der ausführenden Person zu funktionieren. Für mich eine Erklärung, warum Administration oft schlecht gelitten ist. Auch wenn Bürokratie theoretisch zu mehr ‹Gerechtigkeit durch Gleichbehandlung› führt (wenn sie nicht korrumpiert wird), zwingt sie die Individualität aus dem Vorgang. Und dies beschreibt Rosa nun als Ursache für die zunehmende Müdigkeit und Burnout-Phänomene. Als vollständiger Mensch bin ich nicht gefragt, sondern als Funktion. Im Kern ist das ‹unerträglich› und unwürdig, daher belastend und ermüdend. Und als Paradox dazu: «Wir haben Energie getankt» (S. 168), da eine individuelle Handlung mit den Emotionen (Rosa unterscheidet Affekt, Emotion und Gefühl) des Handelnden verbunden ist und so als eine Verstärkung erlebt werden kann. Anstrengung (durch Aufmerksamkeit, Verantwortungsübernahme, Engagement etc.) ermüdet hier nicht, sondern stärkt das Erlebnis der Selbstwirksamkeit, was sich insgesamt positiv auf die Arbeitszufriedenheit auswirkt.
Rosa leitet das aus der Beobachtung ab, wie Kinder lernen, und beschreibt «…drei Dimensionen einer Weltbeziehung: Dingbeziehung[…], Sozialbeziehung[…] und die Selbstbeziehung[…]» (S. 181). Es ist leicht zu erkennen, dass in der Arbeitswelt diese Differenzierung wenig Beachtung findet. Für mich ist damit auch eine Verbindung zur Salutogenese herzustellen, die eine ähnliche Gliederung vornimmt: Sinnhaftigkeit, Verstehbarkeit und Handlungsfähigkeit.
All dies fehlt notwendigerweise den «Konstellationen» und mühsam wird versucht, zumindest einen Teil davon wieder hinein zu organisieren – inklusive Emotionen. Rosa geht so weit zu sagen: «Handeln ist […] riskant, vollziehen ist sicher, macht aber tendenziell einsam, ängstlich und depressiv» (S. 185)
Im letzten Kapitel benennt er dann zwei Konzepte («Jugaad» und «Jeitinho», S. 177), die – aus außereuropäischen Kulturkreisen stammend – bereits eine Synthese kennen: handlungsfähig zu bleiben innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen. Das braucht ein anderes Mindset als die Verabsolutierung von Regelbefolgen oder Freiheit. «Augenmaß und Fingerspitzengefühl» eben. Ich kann mir nur wünschen (und wir alle selbst dazu beitragen), dass dieser Ansatz Aufmerksamkeit und Verbreitung in den Organisationen findet, die zum Leser:innenkreis der Perspectives – und darüber hinaus – gehören.
Hinweise:
(1) Sogar in einem lokalen Gemeinde- und Tourismusblättchen: August-Ausgabe der Drachebärgzytig https://beatenberg.ch/dmxDaten/gemeinde/drachenbergzeitung/August_2026.pdf
(2) https://www.wegezurqualitaet.info/index.php/de/einfuehrung/was-ist-wege-zur-qualitaet