Ein Urphänomen im Sozialen

L.S-R. Kurt, in einer Studie gehst du der Frage nach, welche Möglichkeiten wir haben und welche Bedingungen es für eine inklusive Gestaltung unserer Menschenbeziehungen braucht. Ist das eine Inklusions-Studie?

K.E. Dieser Begriff hat sich in unserem Sprachgebrauch eingebürgert aus dem Bedürfnis heraus, Menschen mit Assistenzbedarf – und inzwischen auch Menschen aus anderen Kulturen – als gleichberechtigt anerkennen zu wollen und zu können. Und so hat unsere Studie auch ihren Hintergrund aus der und in der sozial-inklusiven Alltags-Arbeit, aus deren Umfeld wir in Arbeitsgruppen und Gesprächen unsere Erfahrungen und BewusstwerdungsSchritte überwiegend gemacht haben.

L.S-R. Wie kann ich mir diese Studienarbeit vorstellen?

K.E. Wir sind Menschen vorwiegend aus der Schweiz und aus Deutschland, vereinzelt auch aus anderen europäischen und außereuropäischen Staaten, die sich in sog. ‹Aktionsforschungs-Treffen› mit dem Thema BeziehungsGestaltung beschäftigen. Der Begriff Aktionsforschung ist in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts von Kurt Lewin geprägt worden und meint eine Arbeits- und Forschungsform, in der jeder ‹Teil des Problems ist wie auch Teil der Lösung›, und das führt zu einer ausgezeichneten und gleichwertigen Begegnungs-Atmosphäre.

L.S-R. Diese Studie – und du legst ja Wert darauf, dass sie gleichermaßen für die Beteiligten auch eine Art Selbst-Studium ist – befindet sich 2025 im sechsten Projektjahr und läuft noch bis Ende 2026. Die fünf dazu schon vorhandenen Jahresberichte betreffen verschiedene Aspekte zur Gestaltung unserer Beziehungen, und ich würde heute gerne den einen Aspekt herausheben wollen, den ihr mit dem Begriff «ein soziales Urphänomen» umschreibt.

K.E. Ja, das soziale Urphänomen war das Thema des vierten Projektjahres und ist ein Begriff, den Rudolf Steiner 1918 in Bezug auf einen bestimmten Bereich unseres zwischen-menschlichen Lebens geprägt hat, um damit anzudeuten, dass man es so verstehen kann wie Goethes ‹UrPflanze›. Also, wir haben es da zu tun mit dem Grundphänomen im Sozialen, von dem aus alle weiteren, wie Goethe sagt, «abgeleitete Phänomene» sind.

L.S-R. Jetzt bin ich – und sicher auch unsere Leserschaft – ganz gespannt, ob wir so etwas philosophisch verstehen können.

K.E. Das ist eigentlich gar nichts Philosophisches, sondern eine tief humane und jedem Menschen wahrscheinlich schon vor der Geburt innewohnende Fähigkeit des ‹Verstehens› – außerhalb des Denkens mit unserm Gehirn. Nur ist inzwischen ein Großteil der auf unserem Planeten wandelnden Menschen intellektuell so ‹hochgestylt›, dass wir nur noch mit dem Intellekt, mit dem Verstandes-Denken, mit dem, was wir gelernt haben und kombinieren können, die Welt erkennen und verstehen; so dass dann Goethe in seinem Faust sagen konnte: «Du gleichst dem Geist, den Du begreifst.»

Das neugeborene Kind aber hat diesen Intellekt, dieses rationale Denken ja noch nicht, und wenn wir uns über die Wiege beugen und uns hineinfreuen mit den Worten «oh, wie bist du schön, ganz die Mama …», dann müssten wir uns die Frage stellen, wie das Neugeborene das jenseits von Sprache versteht. Die Antwort kennen wir alle: Als Kind gehen wir vollständig in dem auf, was uns umgibt, wir leben ganz in dem, was um uns ist. Die Psychologie sagt, wir haben noch keine Subjekt-Objekt-Trennung. Sie kommt erst später, und sie kommt unausweichlich. Sie kommt so, dass wir uns dann als ICH erleben können und uns fortan vom DU getrennt erfahren.

Dieser Vorgang der ‹ICHisierung› drängt dann die einstmals vorhandene Fähigkeit eines umfassenden Verstehens des anderen nach und nach zurück, und diese Ur-Fähigkeit, dieses Urphänomen liegt heute bei uns Erwachsenen ganz brach, ja es ist uns gar aus dem Bewusstsein entschwunden.

L.S-R. In unserem Vorgespräch hast du von einer Frau mit Trisomie 21 gesprochen, wie sie in Ermangelung intellektueller Fähigkeiten durch das ihr aber zur Verfügung stehende Urphänomen völlig drinnen steht im sozialen Lebenszusammenhang, ihre Mitmenschen tiefer und intensiver in sich aufnimmt, als wir das gewöhnlich kennen.

K.E. Ja, man könnte sogar sagen, je weniger der Intellekt ausgebildet ist, desto stärker verbleibt dieses soziale Urphänomen als ein Phänomen im Sozialen, als eine umfassende Wahrnehmungsfähigkeit dem Menschen zur Verfügung. Eben, weil wir dann ‹hinhorchen› auf alles das, was andere sprechen, wie sie sprechen, auf ihre Gesten, Physiognomie, den Charakter und, und, und, weil wir sie ja verstehen wollen! Wir finden in dieser Gesetzmäßigkeit des sozialen Urphänomens nicht dieses ‹Abgrenzen› vom anderen, dieses ‹Besserwissen›, welches wir durch unser Denkvermögen uns errungen haben und was uns heute so sehr daran hindert, das DU in uns überhaupt aufnehmen zu wollen.

L.S-R. Sind wir jetzt unfähiger im Sozialen als früher?

K.E. Wir erleben uns nicht mehr als ‹Gruppen-ICH› (mit Ausnahme bei Massenveranstaltungen). Das gegenwärtige sehr persönliche ICH-Erleben ist wohl ein menschheitsnotwendiges Durchgangsstadium, bis jeder Mensch es selbst gelernt hat, aus der eigenen Freiheit heraus, aus der Vereinzelung sich wieder bewusst dem DU, dem Ganzen der Schöpfung liebevoll zuzuwenden.

L.S-R. Das ist ja wohl ein langer Weg – und welche Erfahrungen habt ihr in dieser Studie dazu schon gemacht?

K.E. Wunderbare Erfahrungen. Zum Beispiel, dass dieses Zuhören, ein Gefäß zu sein für den anderen, der gerade spricht, so einfach, so bereichernd und erhellend ist, weil man (und das war immer die Übung in den Treffen) drei Minuten lang zuhören durfte, ohne eigene innere oder gar äußere Kommentare: einfach nur zuhören. Und dann kann es zu einer wesenhaften Begegnung mit dem DU kommen. Und wenn man dann die Rolle wechselt, wenn man nun selbst der Sprechende ist und das DU alles, was ich sage, in sich aufnimmt, unkommentiert, ungefiltert, dann entsteht ein noch ganz ungeübtes NEUES: Im Hörenden wie im Sprechenden – auf beiden Seiten – entsteht so etwas wie ein Denken oder Bewusstwerden von Dingen, die nicht im ICH und nicht im DU ihren Ursprung haben, sondern die im ‹Zwischenraum› entstehen: eine ‹Kunst des Zusammendenkens›.

Sicherlich ist dies noch eine Kunst der Zukunft, die aber offensichtlich vorhandene Antipathien zwischen ICH und DU stark minimiert, und das ist schon mal ein gutes Ergebnis.

L.S-R. Kann man sagen, dass das «soziale Urphänomen», dieses «Hineinschlafen in das Gegenüber» für einen Augenblick, wie Steiner es nennt, eine Gesetzmäßigkeit im Sozialen beschreibt, die wir – anders als die uns bekannten Naturgesetze – nur noch nicht bemerkt haben oder nicht beachten?

K.E. Das Verstehen und der Umgang mit Naturgesetzen ist uns schon lange geläufig, das Verstehen und der Umgang mit Sozialgesetzen, also mit den wirklichen Gesetzmäßigkeiten, die in der sozialen Welt ebenso herrschen wie die Naturgesetze in der natürlichen Welt, wurden noch nicht in gleicher Weise erforscht und werden in der Regel auch (noch) nicht bewusst geübt.

L.S-R. Du sprichst davon, dass es – wie du sagst – «erkenntnisschaffende Bedingungen» auf dem langen Weg des Menschen zum sozialen Wesen gibt. Was sind die legitimen Annahmen, die ihr in der Studie «Beziehungs-Gestaltung» erforscht?

K.E. Jeder Mensch geht mehr oder weniger bewusst von irgendwelchen Annahmen oder Weltanschauungen aus, und die Welt ist so groß, dass auch die anthroposophische Sichtweise darin genügend Platz hat. Wir gehen bekanntlich davon aus, dass der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht. Das soziale Leben des Menschen erstreckt sich auch über diese drei Dimensionen des Menschseins, so dass es folgerichtig auch drei verschiedene soziale Gesetzmäßigkeiten geben muss: eine für unsere geistige Dimension, eine für die seelische und eine für die körperliche, irdische Dimension des Menschseins. Also drei soziale Gesetzmäßigkeiten.

L.S-R. Und das soziale Urphänomen betrifft die seelische Dimension des Menschseins?

K.E. Ja, da, wo Mensch und Mensch sich gegenüberstehen, sich begegnen, sich verstehen wollen und müssen, da ist der Beginn, der Anfang unseres sozialen Lebens. Von dort aus entfaltet sich das Menschsein in die anderen beiden Dimensionen zwischen Himmel und Erde: in meine geistigen und in meine irdischen Fähigkeiten und Bedürfnisse. Es ist ganz entscheidend, wie wir mit diesem sozialen Ausgangspunkt im Sozialen umgehen. Wenn ich dem DU nicht mehr zuhören, wenn ich mich keinem DU mehr zuwenden würde, würden wir alle verhungern – auch geistig-seelisch.

L.S-R. Das ist doch ein ziemlich weitläufiges Thema und unsere gesellschaftliche Entwicklung verlangt nach schnellen Wegen. Kann das Soziale nicht kürzer erklärt werden?

K.E. Im Gegensatz zur digitalen Welt, die sich inzwischen von selbst weiterentwickelt (solange wir sie an das Stromnetz anschließen), geht die Entwicklung der sozialen Welt nur durch individuelle Bewusstseinsarbeit voran, und diese kann nicht technisch-maschinell erfolgen, sondern speist sich aus unseren Erfahrungen mit dem DU in Freud und Leid. Hier betreten wir eine wunderbare, erkenntnisschaffende Dimension, die ein wesentliches Merkmal unseres Menschseins ist und die uns immer wieder mit der Nase darauf stößt, dass wir nicht isoliert voneinander existieren, sondern dass wir mit unserem ICH Teil der gesamten Schöpfung sind.

L.S-R. Kannst du abschließend noch etwas darüber sagen, wie es zu dieser Studie gekommen ist?

K.E. Die 2018 gegründete Schweizer Musicon-Stiftung fördert sozialwissenschaftliche Forschung – wie es in den Stiftungsstatuten heißt – aus «… den Impulsen der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners unter Einbeziehung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Dabei sollen die Forschungen den Menschen als eine eigenständige geistige Wesenheit zeigen auch gegenüber den Möglichkeiten einer künstlichen Intelligenz.»

In diesem Stiftungskontext steht auch diese Studie, an der sich Menschen freiwillig beteiligen, da die Arbeit nicht mit Geld verbunden ist.

Der Stiftungszweck zielt auf die Frage nach der Wirksamkeit des ICH in Zeiten einer sich künstlich erschaffenden Intelligenz, und wir möchten Menschen ermutigen, über die Stiftung auch in einen gemeinsamen Austausch über Kunst, Soziales und Therapeutisches zu kommen.

So freuen wir uns sehr, dass die Hochschule am Goetheanum nun eine 12. Fakultät für die zukünftige ‹inklusive soziale Entwicklung› der Menschheit begründet hat.

 

 

Kontakt: Musicon-Stiftung, Juraweg 17, 4143 Dornach, Schweiz