Herausgeber: Jan Göschel und Rüdiger Grimm
Verlag: Verlag am Goetheanum & ATHENA/wbv

Der Heilpädagogische Kurs, Grundlage und Ausgangspunkt anthroposophisch orientierter Heilpädagogik und Sozialtherapie, wurde im Jahr 1924 am Goetheanum für einen sehr kleinen Kreis persönlich eingeladener Menschen (die Rede ist von zwölf Personen, größtenteils namentlich bekannt) durch Rudolf Steiner abgehalten. Er umfasst zwölf Vorträge unterschiedlicher Ausrichtung; neben grundsätzlichen anthropologischen Ausführungen steht die Vorstellung von Kindern mit Beeinträchtigung im Mittelpunkt, zum Teil persönlich vorgestellt, zum Teil wurde von ihnen berichtet. Eine kommentierte Neuauflage des Heilpädagogischen Kurses wurde aus diesem Grund erarbeitet und herausgegeben.
Bei den Autorinnen und Autoren des Begleitbands handelt es sich um Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Professionen wie der Heilpädagogik, der Psychologie, dem Lehramt. Ein großer Teil der Beiträge wurde von Ärztinnen und Ärzten verfasst, was mit Blick auf die jahrzehntelange Zugehörigkeit der Heilpädagogik und Sozialtherapie zur Medizinischen Sektion des Goetheanums nachvollziehbar erscheint. Dennoch entstehen Multiperspektivität und Meinungsvielfalt in den Beiträgen, die allein das Buch schon lesenswert machen. Zudem gelingt die Werkimmanenz; der inhaltliche Bezug zum Heilpädagogischen Kurs ist stets gegeben.
Beginnend mit Beiträgen zu grundlegenden Fragestellungen, wird mit dem Menschenverständnis des Heilpädagogischen Kurses fortgefahren, um im Anschluss die Kinder des Heilpädagogischen Kurses in ihrer damals aktuellen Lebenssituation und ihrer weiteren Biografie – soweit bekannt – vorzustellen. Der vorletzte Abschnitt folgt der Logik des Heilpädagogischen Kurses und behandelt die innere Entwicklung von Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, abschließend werden spirituelle Entwicklungsperspektiven der Heilpädagogik aufgezeigt.
Verfolgt man die Argumentationslinien der einzelnen Beiträge, so werden darin im Wesentlichen drei Impulse sichtbar, wobei sich der erste Impuls mit dem Verhältnis der Aussagen des Heilpädagogischen Kurses zu neueren fachlichen Erkenntnissen befasst, nachzulesen bei Bernd Kalwitz, der ein kenntnisreiches differenziertes Bild vermittelt. Der zweite Impuls sucht nach Vollständigkeit: Dieses Werk hat den Anspruch, alle im Heilpädagogischen Kurs wesentlich behandelten Themenbereiche aufzunehmen und zu reflektieren; ein Beispiel ist Alan Thewless’ Abhandlung zur Astrologie. Der dritte Impuls wendet den Blick zur Essenz des Heilpädagogischen Kurses: Was ist das Wesentliche, das überzeitlich Gültige, das immer noch in den Institutionen und Diensten von anthroposophisch orientierter Heilpädagogik und Sozialtherapie Wirkungsvolle, das schon im Heilpädagogischen Kurs angelegt wurde? Hier mag der Beitrag von Andreas Fischer zu Qualitäten, Haltungen, Ethos und künstlerischem Aufgabenverständnis in der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie als Beispiel dienen. Zu unterscheiden ist in den Beiträgen, abgesehen von der inhaltlichen Schwerpunktsetzung und dem zugrunde liegenden Erkenntnisinteresse: Es finden sich analytische, historisch-kritische, aber auch intuitiv-erzählende oder meditative Herangehensweisen, die stets mit dem Erkenntnisgegenstand und der zugrunde liegenden Fragestellung korrelieren.
Gegen Ende des Buches steht eine geisteswissenschaftliche Einordnung durch Wolf-Ulrich Klünker, beginnend mit der Aristotelischen Philosophie, endend mit einem Vorschlag zum Umgang mit dem Heilpädagogischen Kurs, der bedenkenswert erscheint: «Wichtig erscheint für die Qualifizierung solcher Wirkungszusammenhänge (wie im Heilpädagogischen Kurs dargelegt, d.Vf.), nicht einfach zu fragen: ‹Stimmt das?›, sondern eine solche Darstellung als Perspektivöffnung zu verstehen – und als Sensibilisierung für bestimmte Wahrnehmungsbereiche.»
Eine gehörige Anzahl von Leserinnen und Lesern mit dieser Haltung möchte man dem Heilpädagogischen Kurs ebenso wünschen wie seinem Begleitband.