Wertschätzung in der psychotherapeutisch begegnungszentrierten Beratung

Abstrakt

Psychosoziale Beratung ist ein neuer Beruf, in dem im Unterschied zur Fachberatung keine Ratschläge gegeben werden. Es ist eine Unterstützungsform, die weder belehrt noch therapiert, sondern dem Klienten oder der Klientin hilft, seinen oder ihren eigenen Weg zu finden und diesen selbstbestimmt zu gehen. Einer Person beizustehen und sie dennoch freizulassen, ist ein sehr modernes Verständnis von Unterstützung. In der Psychologie ist diese Form der Unterstützung von Carl R. Rogers (1902–1987) entwickelt worden. Er nannte sie Personzentrierte Beratung, da die Person in ihrer Subjektivität ernst genommen wird.
Krankheiten oder Störungen stehen nicht im Vordergrund, sondern der Mensch und seine Fähigkeit, sich selbst weiterzuentwickeln. Rudolf Steiner war ebenfalls davon überzeugt, dass jede Persönlichkeit ihren eigenen individuellen Weg finden muss und jeder Mensch auf Beziehung und gegenseitige Unterstützung angewiesen ist.

Die psychotherapeutische begegnungszentrierte Beratung ist eine neue Beratungsform, die von der Autorin entwickelt wurde. Sie verbindet die Personzentrierte Beratung mit der anthroposophischen Menschenkunde und entwickelt sie dadurch weiter. In diesem Artikel wird ein wichtiger Aspekt dieser Beratungsform, nämlich die Wertschätzung, die die beratende Person ihren Klient:innen entgegenbringt, dargestellt.

Einleitung

Zu Lebzeiten von Rudolf Steiner steckten die moderne Psychologie und die Psychotherapie noch in ihren Kinderschuhen. Sie orientierte sich an den Naturwissenschaften. Gemäß dem materialistisch naturwissenschaftlichen Modell wollte John B. Watson (1878–1958), Vater des Behaviorismus, das Verhalten des Menschen erklären, ohne das Erleben des Menschen durch Introspektion zu erforschen. Nach seiner Vorstellung sollte sich die Psychologie auf das äußere Verhalten, also auf das, was man beobachten kann, beschränken. Was in dem Menschen vorging, bezeichnete er als ‹Black Box›. Auch Sigmund Freud orientierte sich an den Methoden der Naturwissenschaft. Ihn interessierte aber, was in der ‹Black Box›, also in der Psyche des Menschen, vor sich geht. Er entwickelte die Psychoanalyse. Die Psychoanalyse hat viele neuere Strömungen in der Erforschung der Psyche und viele moderne psychotherapeutische Verfahren beeinflusst. Viele bedeutende Psycholog:innen haben zuerst eng mit Sigmund Freud zusammengearbeitet und sich dann von ihm abgewandt und eine eigene Richtung in der Psychologie begründet, so zum Beispiel Wilhelm Reich, Alfred Adler, Carl Gustav Jung, Otto Rank, Carl Ransom Rogers und viele mehr (vgl. Kriz, 2014).

Steiner äußerte sich zum Behaviorismus und zur Psychoanalyse, aber nicht zu den späteren Entwicklungen der Humanistischen Psychologie, weil diese erst nach seinem Tod stattfanden. Der Personzentrierte Ansatz in der Beratung und in der Psychotherapie stammt von Carl R. Rogers und ist Teil der Humanistischen Psychologie. (1) In ihr ist die Beziehung zwischen zwei Personen (Subjekten) der wesentliche Wirkfaktor in Beratung und Therapie (vgl. Rogers, 1959/2009).

Die beratende Person gestaltet diese Beziehung mit den drei Grundhaltungen Empathie, Wertschätzung und Authentizität. Nach diesem Verständnis ist die Begegnung das therapeutische Element, die durch keine Technik ersetzt werden kann.

Wertschätzung ist ein wichtiger Faktor in der Beratung

«Der Begriff Wertschätzung schließt allgemein in seiner Definition Haltungen wie Wärme, Liebe, Respekt, Sympathie und Anerkennung ein.» (Ebd., S. 40)

Rogers und der Personzentrierte Ansatz ist in anthroposophischen Kreisen bekannt. Auch von Rudolf Steiner wird an vielen Stellen ausgeführt, dass Empathie bzw. warmes Interesse und Mitgefühl eine wichtige und wirksame Kraft in der Pädagogik und in der Heilpädagogik sind (vgl. Erdin, Perspectives 1/2024). Eng damit verbunden ist die Fähigkeit von Pädagog:innen, Therapeut:innen oder Berater:innen, ‹wertschätzend› zu sein. Aber was meint Wertschätzung?

Von Praktiker:innen des Personzentrierten Ansatzes wird Wertschätzung und Empathie oft wenig unterschieden. Häufig spricht man von wertschätzender Empathie. In diesem Artikel möchte ich zeigen, dass unbedingte Wertschätzung ein wichtiger Faktor in der Beratung ist, der Empathie voraussetzt, aber den Prozess in der Beratung weiterführt und die Verwandlung dessen, was empathisch wahrgenommen wurde, ermöglicht. Wertschätzung ist nicht direktiv, weil die Inhalte, die wertschätzend wahrgenommen werden, alle von der Person stammen, die beraten wird. Wertschätzung ist auch deshalb nicht direktiv, weil die Richtung, in der sich der Beratungsprozess bewegt, ebenfalls von der Person stammt, die beraten wird. Die Verwandlung, die in der Person, die beraten wird, stattfinden kann, wird durch die beratende Person durch Wertschätzung angeregt. Diese Möglichkeit der Verwandlung möchte ich in einem Bild verdeutlichen: Die Schönheit einer blühenden Sonnenblume hat ihr Ende, wenn sie verblüht. Wir sehen, dass die schönen gelben Blütenblätter braun und welk geworden sind. Wir sind vielleicht traurig darüber. Auf jeden Fall ist der Glanz, der in uns Freude beim Anblick der blühenden Sonnenblume erweckt hat, vorbei. Viele Menschen werfen die Blume dann achtlos in den Abfall. Die beratende Person kann den Blick auf die Sonnenblumenkerne, die sich in der Mitte der Blüte gebildet haben, lenken. Das Neue zu sehen, das aus dem Verwelken, seelisch gesehen aus den erlebten Schwierigkeiten, entstehen kann, nenne ich Wertschätzung.

Wertschätzung ist die intentionale Lenkung des Bewusstseins auf das Positive

Wertschätzung ist zunächst eine Anerkennung desjenigen, was positiv und anerkennungswürdig beim anderen Menschen vorhanden ist. Es ist der Entscheidung jedes einzelnen Menschen überlassen, ob er seine innere Aufmerksamkeit auf das Positive oder auf das Negative bei einem Menschen oder in einer Situation lenkt. Das gleiche Glas ist halbleer oder halbvoll, je nachdem, ob man das Wasser oder die Leere anschaut. In der Pädagogik kann man den Blick auf das wenden, was das Kind sich neu angeeignet hat, oder auf die Kompetenzen, die ihm noch fehlen. Ein Entwicklungsbericht im Sinne eines Zeugnisses der Waldorfschule nimmt diesen auf den Kompetenzzuwachs gerichteten Blick ein. Steiner beschreibt in den «Allgemeinen Anforderungen, die ein jeder sich selbst stellen muss, der eine okkulte Entwicklung durchmachen will» zunächst sechs Übungen. Die vierte Übung dieser sechs Übungen übt diese Lenkung des eigenen Bewusstseins: «Sie besteht darin, stets das in ihnen vorhandene Gute, Vortreffliche, Schöne usw. aufzusuchen.» (Steiner, 1969, S. 18)

Wertschätzung ist die Anerkennung des Möglichen

In der Pädagogik und in der Beratung kann eine Person einem Menschen eine weitere wichtige Anerkennung geben: Die Anerkennung der Fähigkeit des Kindes oder des Erwachsenen, sich neue Kompetenzen aneignen zu können. Dies ist die Anerkennung des Kindes/Erwachsenen als ein sich entwickelndes Wesen. Die Diagnose ‹Intelligenzminderung› oder ‹Autismus› usw. birgt immer die Gefahr, dass einem Menschen Lernen bzw. ‹sich neue Fähigkeiten anzueignen› nicht mehr zugemutet wird und er sich es auch selbst nicht mehr zutraut. Ein zerstörtes Selbstvertrauen ist ein großes Hindernis auf dem Weg, sich neue Fähigkeiten anzueignen.

Das Selbst eines Menschen ist «teilweise von der Anerkennung und Nichtanerkennung, oft auch von der Verkennung durch andere geprägt, so dass ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen wirklichen Schaden nehmen, eine wirkliche Deformation erleiden kann, wenn die Umgebung oder die Gesellschaft ein einschränkendes, herabwürdigendes und verächtliches Bild ihrer selbst zurückspiegelt. Nichtanerkennung oder Verkennung kann Leiden verursachen, kann eine Form von Unterdrückung sein, kann den anderen in ein falsches, deformiertes Dasein einschließen.» (Taylor, 1993, S. 13 f.)

Wertschätzung bedeutet, die individuellen Gefühle eines Menschen wahr- und ernst nehmen

In die psychotherapeutische Beratung kommen Menschen, die eine Enttäuschung bzw. eine Verletzung erfahren haben. Kinder hatten keinen Schulerfolg, Erwachsene wurden von ihrem Partner/ihrer Partnerin verlassen oder stehen mit ihm/ihr in Konflikt, sie haben Konflikte mit ihren Kindern oder die Arbeitsstelle verloren usw. In der Psychoanalytischen Beratung und in der Systemischen Beratung geht man gegensätzliche Wege:

a) In der Psychoanalyse schaut man möglichst genau auf Konflikt, Störungen und auf ihre Ursachen: Wie ist es zu diesem Konflikt gekommen? Wann hat diese Schwierigkeit begonnen usw. Psychoanalyse ist ein aufdeckendes Verfahren, das sich vor allem mit der Vergangenheit eines Menschen beschäftigt und die gegenwärtige Situation aus Ursachen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben, erklären möchte.

b) In der Systemischen Beratung wird darauf verwiesen, dass starke Gefühle in sich immer die Gefahr bergen, dass sie die Person zu sehr gefangen nehmen. Im systemischen Ansatz nennt man das «Problemtrance» (Schmidt, 2017, S. 1). Schmidt weist darauf hin, dass Beratende und Therapeut:innen von ihren Klient:innen emotional angesteckt werden:
«[…] und nicht selten in gemeinsam geteilte Hoffnungslosigkeit einmünden und so die Therapeut:innen ungewollt mit ihren Interaktionsbeiträgen zur Aufrechterhaltung oder gar Stärkung des Problemerlebens beitragen.» (Schmidt, 2022, S. 173)
Im Systemischen Ansatz fokussiert man sich deshalb weniger auf die problematisch erlebten Situationen und Schwächen (wie im psychoanalytischen Ansatz), sondern man schaut auf Ressourcen und auf Lösungen, die in der Zukunft vielleicht möglich sind.

c) In der psychotherapeutisch begegnungszentrierten Beratung halten wir uns in der Gegenwart auf. Wir nehmen die Gefühle und Empfindungen des Klienten/der Klientin ernst und unterstützen ihn/sie, uns von ihnen zu erzählen, und zwar durch empathisches und wertschätzendes Zuhören. Dadurch kommt die Erlebniswelt zu Bewusstsein. Gleichzeitig kann eine Distanz zu den Empfindungen, Gefühlen, Vorstellungen und Handlungsimpulsen hergestellt werden. Man lernt sie von außen anzuschauen und die Identifikationen mit ihnen aufzugeben. Dadurch entsteht eine gewisse Freiheit von den Vorstellungen, Handlungsimpulsen, Gefühlen und Bedürfnissen. Man hat diese, aber man muss sich nicht von diesen bestimmen lassen. Die psychotherapeutisch begegnungszentrierte Beratung nimmt also die Erlebniswelt des Klienten/der Klientin ernst und ermächtigt gleichzeitig die Persönlichkeit, über die gegenwärtige Erlebniswelt hinauszuwachsen. Eine wichtige Unterstützung ist dabei, all die schwierigen Erlebnisse und subjektiven Empfindungen wahr zu nehmen und sie gemeinsam auszuhalten.

Hören, was das Opfer sagt und es in der Realität nachprüfen

Als Ideal würden viele Menschen dieser Vorgehensweise zustimmen und von sich selbst annehmen, dass sie empathisch und wertschätzend anderen Menschen zuhören. In der Realität sieht es aber anders aus: Aussagen von Menschen, die keine äußere Macht besitzen, wird selten Glauben geschenkt. Das Ausmaß der Gewalterfahrung wird oft nicht ernst genommen.
Bei sexualisierter und sadistischer Gewalt geschieht es vermehrt, dass die Menschen im Umfeld wegschauen und dem Opfer das erlittene Unrecht nicht glauben. Wertschätzung bedeutet in diesem Zusammenhang, sich von der Faszination der Macht zu lösen und Partei für Menschen in der schwächeren Position zu ergreifen und ihre Berichte ernst zu nehmen.
Dazu erzähle ich ein kleines Beispiel, welches ein naher Bekannter von mir erlebt hat. Ich nenne den Bekannten Rolf. (2) Er arbeitete in einem Heim für Erwachsene mit hohem Unterstützungsbedarf, also auch einer geistigen Behinderung. Eines Morgens bemerkten die Betreuer:innen, dass eine betreute Frau, Beatrice (3), Verletzungen aufwies. Offenbar wurde sie von jemandem geschlagen. Beatrice wohnte in einem Doppelzimmer mit einer anderen Frau zusammen. Das gesamte Betreuungspersonal war sich einig, dass es in der Nacht zu einem Konflikt zwischen den beiden Frauen gekommen sei. Die Mutter von Beatrice widersprach. Der Vorfall wurde vom Heim nicht untersucht. Die Mutter dagegen überredete ihre Tochter, insgeheim nachts die Vorhänge offen zu lassen, bzw. wieder aufzuziehen, nachdem das Betreuungspersonal das Zimmer verlassen hatte. Das Zimmer war ebenerdig gelegen und die Mutter beobachtete von außen unbemerkt, was nachts im Zimmer geschah. Sie sah, dass der Hausmeister nachts Beatrice vergewaltigte, was sie mit einer Kamera festhielt.

Ich kenne persönlich zahlreiche Berichte, bei denen man Menschen in schwachen Positionen zunächst nicht Glauben schenkte oder Hinweise auf erlittene Gewalt nicht ausreichend ernst nahm. Zimbardo (2009) und andere Soziolog:innen und Psycholog:innen haben die Verquickung von Macht, Kapital und der Identifikation mit den Aggressor:innen/Täter:innen untersucht und konnten den Zusammenhang überzeugend darstellen. Unbedingte Wertschätzung in einem therapeutischen oder pädagogischen Zusammenhang bedeutet deshalb immer Parteinahme für Menschen, die keine äußere Macht besitzen bzw. sich in der schwächeren Position befinden.

Wertschätzung bedeutet, die eigene Kraft des hilfesuchenden Menschen zu sehen und anzuerkennen

Die Wertschätzung des hilfesuchenden Menschen bedeutet, dass seine eigene Subjektivität und Selbstbestimmung nicht übergangen werden, auch dann nicht, wenn die eigene Handlungsfähigkeit durch Schwierigkeiten eingeschränkt ist.
Das aktive Zuhören und sich empathisch Hineinversetzen in eine andere Person, die gegenwärtig beispielsweise traurig oder verzweifelt ist, birgt immer die Gefahr, dass die beratende Person von dem Leid der anderen angesteckt wird und dann nicht mehr als unterstützend wahrgenommen werden kann. Beratende Personen entlasten sich von dieser Gefahr durch unterschiedliche Techniken:

Bagatellisierung, Nichtanerkennung oder zu viel Verantwortungsübernahme

Nichtanerkennung kann, wie bereits oben beschrieben, durch Wegschauen geschehen. Es kann aber auch dadurch geschehen, dass man versucht, jemanden zu trösten. In einer Beratung, die ich als Supervisorin begleitete, erzählte die Person, die beraten wurde, Christine (4), von ihrem Ärger, dass sie an ihrer Aufgabe, die sie an ihrer Arbeitsstelle ausführen sollte, gehindert wurde. Sie ist Jobcoach und ihre Aufgabe war es, einen Jugendlichen, der wenig motiviert war, so zu unterstützen, dass er seine Arbeitsstelle behalten konnte. Andernfalls würde er arbeitslos werden. Er gehörte zu den Jugendlichen, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt schwer haben und die auf dem zweiten Arbeitsmarkt keine Anstellung erhalten, da sie keine Diagnose aufweisen. Der Arbeitgeber wollte den Jugendlichen nicht weiter beschäftigen. Er sagte: «Ich bin doch keine Hilfsorganisation.» Dies löste in Christine ein ungutes Gefühl und Ärger aus. Sie kann zwar gut damit umgehen, denn sie kennt das schon und sie hat sich eine Taktik dafür angeeignet, die sich in ähnlichen Fällen bereits bewährt hat. Sie ist aber ärgerlich, dass sie taktieren muss. Eigentlich sollte der Arbeitgeber froh und dankbar über ihre Unterstützung sein. Durch das aktive und einfühlsame Zuhören der Beraterin vertiefte sich der Ärger zur Trauer und zu dem Gefühl, ‹lästig zu sein›. Die Beraterin sagte darauf: «Du bist ein wertvoller Mensch». Christine äußerte etwas später, sie sei traurig, weil sie die Empfindung habe, nicht in dem Maße hilfreich sein zu können, wie sie es wollte. Die Beraterin sagte ihr, dass es schon viel sei, einfach da zu sein und zu unterstützen. Obwohl diese Aussagen der Beraterin Christine als Person wertschätzten und diese Aussagen auch als unterstützend wahrgenommen werden können, schwingt auch eine Bagatellisierung des Gefühls, ‹lästig zu sein›, mit. Sie hätte auch sagen können: «Ja, klar empfindet dich der Arbeitgeber als lästig, denn du erinnerst ihn an seine Verantwortung als Vorgesetzter, seine Angestellten zu unterstützen, und dieser hätte lieber Angestellte, die ohne Unterstützung funktionieren.» Diese Aussage hätte das Gefühl, lästig zu sein, anerkannt, und hätte Christine unterstellt, dass sie die Kraft hat, dieses unangenehme Gefühl, lästig zu sein, auszuhalten.
Die Kraft in einer verzweifelten Person zu sehen, ist manchmal schwierig. Diese Kraft gibt es in jedem Menschen. Das bedeutet beispielsweise, wenn eine Person zur Beratung kommt und sagt: «Ich bin vergewaltigt worden», dass die beratende Person dann nicht reagiert: «Oh, wie schrecklich», sondern dass sie sagt: «Gut, dass du zu mir gekommen bist und die Kraft in dir gefunden hast, darüber zu sprechen.» Menschen, die schwierige und schrecklichste Situationen erleben mussten, verdienen Bewunderung, denn sie haben diese schwierige Situation ausgehalten. Auch Christine verdient Bewunderung, dass sie – obwohl man sie als lästig empfindet – dafür kämpfte, dass der junge Mann seine Arbeitsstelle nicht verlor.

Die Bewunderung und Anerkennung der Überlebenskraft für Menschen, die etwas Schlimmes ausgehalten haben, entlastet auch die beratende Person. Sie muss nicht und soll auch nicht die gesamte Verantwortung für das Leben der anderen Person übernehmen. Sie soll die Person, die sie berät, in ihrer Selbstbestimmung anerkennen und unterstützen. Andernfalls macht man sie wieder zu einem Opfer der Machtverhältnisse.

Daneben sind wir selbstverständlich alle dafür verantwortlich, in welcher Gesellschaft wir leben. Damit nicht ein Machthaber durch einen neuen Machthaber ersetzt wird, müssen wir die Faszination von Macht und die Tendenz, uns mit mächtigen Menschen zu verbünden, ablegen. Herbert Marcuse wies bereits darauf hin, dass jede Revolution, welche die Abschaffung der Herrschaft durch die Errichtung einer neuen Autorität besiegt, zugleich eine «verratene Revolution» ist (Marcuse, 1966, S. 83).

Fazit

Wertschätzung ist eine komplexe Fähigkeit im Beratungsprozess. Sie verlangt von Beratenden, dass sie ihr Bewusstsein lenken und das Positive und die Ressourcen eines Menschen auch in schwierigen Situationen sehen können. Wertschätzung bedeutet auch, die noch nicht entwickelten Potentiale im anderen Menschen zu entdecken. Wertschätzung meint außerdem, alle Erlebnisse und subjektiven Gefühle des Klienten/der Klientin ernst zu nehmen und anzuerkennen, auch wenn es sich um Gefühle handelt, die man lieber meiden möchte, und es der beratenden Person sehr schwerfällt, diese mit auszuhalten. Um Wertschätzung handelt es sich auch, wenn man der Kraft des Klienten/der Klientin vertraut, nämlich dass er oder sie die Überlebenskraft besitzt, auch Schwieriges zu ertragen und den eigenen Weg finden wird. Man sieht dann den Menschen nicht nur als Opfer, sondern als Überlebenden.


Hinweise:

(1) Carl R. Rogers, Virginia Satir und Abraham Maslow begründeten Ende der 1950er Jahre die American Association for Humanistic Psychology (AHP). Im Jahre 1962 gründeten Charlotte Bühler, Abraham Maslow und Carl R. Rogers die Gesellschaft für Humanistische Psychologie.

(2) Pseudonym

(3) Pseudonym

(4) Pseudonym

 

Literatur:

Benjamin, J. (1993). Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht [The Shackles of Love: Psychoanalysis, Feminism, and the Problem of Power]. Frankfurt am Main: Fischer. S. 171–175.

Benjamin, J. (2020). Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht [The Shackles of Love: Psychoanalysis, Feminism, and the Problem of Power]. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann GmbH.

Erdin, G. (2024). ‹Empathie› [Empathy]. In: Anthroposophic Perspectives in Inclusive Social Development, Heft 1, 2024.

Freud, S. (1923). ‹Psychoanalyse› und ‹Libidotheorie› [Psychoanalysis and Libido Theory]. Gesammelte Werke. Band 13.

Kriz, J. (2014). Grundkonzepte der Psychotherapie [Basic Concepts of Psychotherapy]. Weinheim: Beltz.

Marcuse, H. (1955/66). Eros and Civilization [Triebstruktur und Gesellschaft]. Boston: Beacon Press.

Rogers, C. R. (1959/2009). Eine Theorie der Psychotherapie [A Theory of Psychotherapy]. München: Reinhardt.

Schmidt, G. (2022). In: Michale Bohne, Matthias Ohler, Gunther Schmidt, Bernhard Trenkle (Hrsg.). Reden reicht nicht!? Biofokal-multisensorische Interventionsstrategien für Therapie und Beratung [Talking Isn't Enough!? Biofocal Multisensory Intervention Strategies for Therapy and Counseling]. Heidelberg: Carl-Auer.

Steiner, R. (1969). Anweisungen für eine esoterische Schulung [Instructions for Esoteric Training]. Dornach: Rudolf Steiner Verlag.

Taylor, C. (1993). Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung [Multiculturalism and the Politics of Recognition]. Frankfurt: Suhrkamp.

Zimbardo, P. (2009): The Lucifer Effect. How good people turn evil [Der Luzifer-Effekt. Wie gute Menschen böse werden]. London: Rider. (1. Auflage in den USA 2007: Random House).

Gisela Erdin
Gisela Erdin

Gisela Erdin studierte Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie bei der Gesellschaft für personzentrierte Psychotherapie und Beratung (Master of Counseling). Anschliessend promovierte sie in Sozialwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität in Giessen. Zuvor arbeitete sie zwanzig Jahre in zwei verschiedenen Einrichtungen für Menschen mit Assistenzbedarf. Seit 2013 Dozentin für Heilpädagogik am Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität, Studienzentrum Mannheim der Alanus Hochschule. www.beratung-erdin.ch