Karl König – Ein Lebensbild

Autorin: Regine Bruhn
Verlag: Freies Geistesleben (2025)

Um das Lebenswerk von Dr. Karl König, dem Wiener Arzt, Heilpädagogen und Gründer der weltweiten Camphill-Bewegung, hat sich in den vergangenen Jahren das Karl König Institut verdient gemacht, nicht zuletzt durch die Herausgabe einer umfassenden Werkausgabe. Eine der Vorstände des Instituts, Regine Bruhn, bestens vertraut mit dem umfangreichen Archivmaterial, hat nun eine Biografie herausgebracht, die neue Gesichtspunkte verarbeitet, flüssig geschrieben ist und Interesse weckt. Regine Bruhns Intention ist vor allem die, Karl König Leser:innen nahezubringen, denen er noch unbekannt ist. Sein bewegtes Leben wird «in dieser Biografie endlich für ein breites Publikum erschlossen», liest man auf der Rückseite des Umschlags.

Dabei lässt die Autorin ausführlich König selbst, ihm nahestehende Personen und Zeitzeug:innen zu Wort kommen. Wesentliche Stationen in seinem Leben, viele seiner Wegbegleiter:innen, entscheidende Prägungen werden dargestellt. Ergänzt wird die Publikation durch Fotografien von Menschen und Orten, die in seinem Leben eine wichtige Rolle spielten. Karl König als der verfolgte Jude, der gefragte Arzt und Wissenschaftler, der Vortragsredner und Gemeinschaftsgründer kommen zur Sprache.

Allerdings: Seine großen Ideen, Impulse und Visionen werden eher beiläufig, implizit oder nur knapp angeführt. Gerade die wegweisenden heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Ansätze werden kaum vorgestellt, das Genie und sein großer Wurf bleiben im Schatten: Karl König als Vordenker von Inklusion und Empowerment von Erwachsenen mit Assistenzbedarf. König, der das Geistige in jedem Menschen hervorhob, insbesondere auch im Menschen mit einer Behinderung. Der die grundsätzliche Bildungsfähigkeit und -bedürftigkeit jeder Person hervorhob, unabhängig von ihrem intellektuellen Vermögen. König betonte die Bedeutung der wesentlichen Begegnung zwischen Menschen, der heilpädagogischen Haltung sowie der Persönlichkeit des Begleiters für die Wirksamkeit der Hilfe. In der Sozialtherapie setzte er auf die Wirksamkeit des sozialen Kontextes und wollte in Camphill soziale Dreigliederung verwirklichen. Und er war ein Verfechter der sozialen Landwirtschaft. Alles das bekommt in der vorliegenden Biografie wenig Raum. Dabei verblüfft es immer noch, wie weit Karl König seiner Zeit in der Sonderpädagogik voraus war.

In Regine Bruhns Lebensbild erschließen sich bedeutende Teile seines Lebenswerks der Leser:innenschaft nur anfänglich. Gerade das noch nicht kenntnisreiche, ‹breite Publikum› kann beim Lesen durchaus neugierig darauf werden, mehr zu erfahren. Aber dafür muss es wieder auf das Standardwerk von Hans Müller-Wiedemann (1) zurückgreifen.

Den größten Gewinn haben vielleicht Leser:innen, die sich schon länger mit Karl König, Camphill und Anthroposophie beschäftigen und in diesem lesenswerten Buch viele neue und interessante Details erfahren.


Hinweis:

(1) Müller-Wiedemann, H. (1992). Karl König – eine mitteleuropäische Biographie im 20. Jahrhundert. Stuttgart: Freies Geistesleben.

Stefan Siegel-Holz
Stefan Siegel-Holz

Seit 1983 in der Camphill Dorfgemeinschaft Lehenhof wohnend und als Mitarbeiter tätig (u.a. Hausverantwortlicher einer Hausgemeinschaft, Kulturreferat, Heimleitung, geschäftsführender Vorstand). Studium ev. Theologie und Sozialpädagogik an der Universität Tübingen. Im Laufe der Jahre u.a. Mitglied der Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie in Dornach (später Council), in deren Sozialtherapeutischer Arbeitsgruppe, im Vorstand des Anthropoi Bundesverbands (Deutschland), in verschiedenen Arbeitskreisen Camphills.