Ubuntu versteht den Menschen als tief relationales Wesen, das mit der Gemeinschaft, dem Kosmos und der Erde verbunden ist. Die Philosophie von Ubuntu ist in den Bantu-Kulturen in Subsahara-Afrika verbreitet und bietet als Paradigma eine gemeinsame innere Orientierung in diesem großen und vielfältigen kulturellen Raum, ein ‹Paradigma› miteinander verbundener Ideen, die sonst verborgene Aspekte der gelebten menschlichen Erfahrung sichtbar machen.

Obwohl der Begriff Ubuntu mittlerweile weltweit verbreitet ist, bilden seine bekannten Motive nur eine Oberfläche ab. Auf dem afrikanischen Kontinent fließt Ubuntu immer mehr in Praxisfelder wie Sozialarbeit, Bildung, regenerative Landwirtschaft und Gemeindeentwicklung ein, um eine afrikanische Denkungsart für soziale, ökologische und spirituelle Erneuerung im 21. Jahrhundert zu schaffen (zur sozialen Arbeit siehe Mugumbate 2020; Mugumbate & Nyanguru, 2013; Mugumbate et al., 2023).
Die Anthroposophie, die – genau wie Ubuntu – aus einem Initiationsbewusstsein kommt, versucht, die Dimensionen des Menschseins wieder zu integrieren, die in einer westlich geprägten, materialistischen globalen Kultur verloren gegangen sind, wo emanzipatorische Entwicklungen mit den zerstörerischen Schattenseiten einer ausbeuterischen Beziehung zum Menschen und zur Erde einhergehen. Aus der Perspektive afrikanischer (und anderer) Weisheitstraditionen kann die Anthroposophie als Suche nach einem erneuerten Ubuntu für eine globalisierte Welt verstanden werden, die versucht, die Bruchstellen der spätmodernen Gesellschaft zu heilen. Die Weisheitstraditionen von Ubuntu und Anthroposophie treffen sich so als miteinander tief resonante Ansätze in der sozialen Arbeit, der Bildung, der regenerativen Landwirtschaft und der inklusiven Gemeinschaftsbildung.

Die Camphill Academy Afrika will einen interdisziplinären Bildungsweg für Menschen entwickeln, die in der inklusiven frühkindlichen und Grundschulbildung, der beruflichen Bildung sowie der biologisch-dynamischen und sozialen Landwirtschaft tätig sind. Dieser Weg soll in afrikanischen Kontexten und Weisheitstraditionen verwurzelt, von der Anthroposophie geprägt und in die globale Fachgemeinschaft eingebettet sein, die mit der Camphill-Bewegung und der Sektion für Heilpädagogik und inklusive soziale Entwicklung am Goetheanum verbunden ist.

Janet Manoni, die Gründerin der Mwanangu Community in Vikindu, Tansania, und Mitinitiatorin der Camphill Academy Afrika, hat in ihrer Eröffnungsrede vor Dozent:innen und Teilnehmenden über die Vision dieser Initiative gesprochen:
Ubumuntu bedeutet auf Kinyarwanda das Wesentliche dessen, was es heißt, Mensch zu sein, aus der Perspektive von Ubuntu. Es steht für Freundlichkeit, Großzügigkeit, Güte und das Bewusstsein, dass unsere Handlungen kreativ zwischen Vergangenheit und Zukunft vermitteln. Der Swahili-Begriff Hekima steht für eine Form der Weisheit, die aus diesem Bewusstsein dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein, entspringt und zu entsprechenden Handlungsweisen führt. Akaretsa ist Setswana und bedeutet ‹umarmen›, ‹einbeziehen› und ‹Zugehörigkeit›. Es steht für die soziale Geste des Empowerment und der Inklusion, die sich aus dem gemeinsamen, von Weisheit geprägten Bewusstsein dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein, ergibt. Diese drei Begriffe bilden die Leitgedanken des Projekts Camphill Academy Afrika.
Das Pilotmodul in Vikindu brachte 31 Menschen aus den drei afrikanischen Partnerorganisationen des Projekts zusammen: Mwanangu Development Tanzania (Campus Vikindu und Mwanza), Camphill Community Trust Botswana und Ubumwe Community Center (Campus Gisenyi und Mwogo, Ruanda) sowie zwei Teilnehmerinnen von Camphill West Coast (Südafrika). Die Dozent:innen kommen aus den drei afrikanischen Partnerorganisationen, der Camphill Academy (USA), dem Center for Anthroposophy (USA) und der Sektion für Heilpädagogik und inklusive soziale Entwicklung am Goetheanum. Gastdozent:innen kommen aus dem afrikanischen Netzwerk für inklusive soziale Entwicklung und Waldorfpädagogik.

Das Programm ist als dreijähriger Prozess geplant, mit einer Mischung aus Präsenzunterricht, lokalen Peer-Group-Studien und Online-Unterricht sowie -Mentoring. Der Lehrplan umfasst gemeinsame Kernkurse und Fachseminare zur beruflichen Praxis. Es ist auch als Ausbildung für Ausbilder:innen gedacht, um eine eng verbundene Gruppe zukünftiger Mentor:innen und Dozent:innen in der Region aufzubauen, die die Arbeit weiterführen können. Derzeit läuft eine aktive Fundraising-Aktion, um die Mittel für die Umsetzung des gesamten Dreijahreszyklus aufzubauen.
Mehr Infos: https://camphill.edu/afrika
(Hinweis: Eine Videoaufzeichnung und eine PDF-Datei der Eröffnungsrede von Janet Manoni finden sich auf der Website der Camphill Academy Afrika.)
Fotos: Jan Göschel
Literatur:
Mugumbate, J. R. (2020). ‹Samkange's theory of Ubuntu and its contribution to a decolonised social work pedagogy.› In C. Morley, P. Ablett, C. Noble, S. Cowden (Eds.), Routledge handbook of critical pedagogies (pp. 141–160). Routledge.
Mugumbate, J., & Nyanguru, A. (2013). Exploring African philosophy: The value of Ubuntu in social work. African Journal of Social Work, 3(1), 82–100.