Autor: Walter Dahlhaus
Herausgeber: Anthrosocial (2026)*

Rund 100 Jahre, nachdem Rudolf Steiner in der Schreinerei in Dornach vor einer kleinen, ausgewählten Gruppe aus dem Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Ärzten und Pädagogen zwölf Vorträge über Heilpädagogik gehalten hat, macht sich nun die nächste Generation auf den Weg, die Verantwortung für seine Anregungen und deren internationale Umsetzung zu übernehmen. Die «Anthroposophische Heilpädagogik», später dann auch die aus diesem Impuls entstandene Sozialtherapie, sind mit ihrem inklusiven und interdisziplinären Ansatz vor allem in praktischer Hinsicht inzwischen eine internationale Instanz. Dennoch ist es richtig und wichtig, sich auf die Quellen zu besinnen und diese gemäß der erstmals bei Bernhard von Chartres um das Jahr 1120 nachgewiesenen und viel zitierten Redewendung «Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen» zu beherzigen. Daher verdient die vom Schweizer Verband Anthrosocial herausgegebene Reihe Beachtung, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven und zeitgemäßer Sicht den 1924 veranlagten und bis in die Gegenwart transformierten Grundlagen nähert.
Nun ist der siebte Band der Reihe erschienen, in dem der Heilpädagoge, Psychiater und Psychotherapeut Walter Dahlhaus sich mit Fragen zu Gesundheit und Krankheit bei Menschen mit Assistenzbedarf angesichts kognitiver, psychischer und sozialer Barrieren befasst. Nach einer allgemeinen Einleitung zur Definition von Gesundheit gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärt der Autor das Menschenverständnis und den Ansatz der anthroposophischen Medizin mit ihren therapeutischen Verfahren als Ergänzung zur Schulmedizin. Dabei betont er die fundamentale Bedeutung von Rhythmus in all seinen Formen (beispielsweise Schlaf-/Wachrhythmus, Aktivität/Ruhe, zeitliche Rhythmen etc.) zur Stärkung der Vitalität und als grundlegendes Element zur Aktivierung der konstitutiven Selbstheilungskräfte. In der anthroposophischen Medizin bedeutet Gesundheit vor allem ein Gleichgewicht der drei Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen sowie ein abgestimmtes Zusammenspiel der vier menschlichen Ebenen (Wesensglieder), des physischen Leibes, der Lebens- und der Seelenkräfte mit dem Ich als geistige Dimension. Heilpädagogik und Sozialtherapie arbeiten auf einem salutogenetischen Ansatz und nutzen über schulmedizinische Verfahren hinaus künstlerische und bewegungstherapeutische Methoden, äußere Anwendungen sowie spezifische Heilmittel aus dem Spektrum der anthroposophischen Pharmakologie.
Die WHO versteht Gesundheit als vollständiges körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden (1946) und Gesundheitsförderung als einen Prozess der Selbstermächtigung (1986). Nachdem Menschen mit Assistenzbedarf lange Zeit das Zugeständnis auf insbesondere psychische Erkrankungen vorenthalten wurde, ist der Zugang zur Gesundheitsversorgung in jeglicher Hinsicht inzwischen ein Menschenrecht, so Dahlhaus. Daher gehört es zu den Aufgaben einer gelungenen Inklusion im Gesundheitswesen, Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen barrierefrei Zugang zu Diagnostik, Therapie und Prävention zu gewähren. Dies erfordert den Abbau struktureller Hürden, Wissen um spezifische Bedarfe und eine angepasste Kommunikation zum besseren Verständnis der Beschwerden (Unterstützte Kommunikation mit Gesten, Bildern, elektronischen Hilfen). Eine Voraussetzung professioneller Unterstützung ist das Wissen um Krankheitsdispositionen und der sensible Umgang mit dem emotionalen Entwicklungsalter (SEO/SEED). Im Rahmen der Behindertenhilfe nutzen viele Einrichtungen diese Standards bereits, doch im medizinischen Bereich besteht in dieser Hinsicht noch Nachholbedarf.
Im Folgenden wirft der Autor einen kurzen Blick auf die unterschiedlichen Aspekte psychischer, körperlicher, neurologischer, internistischer und syndromspezifischer Erkrankungen sowie auf die Besonderheiten bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum. Er beschreibt charakteristische Symptome und Risiken, um die jeweilige Disposition verständlich zu machen, und gibt Empfehlungen für deren Behandlungsmöglichkeiten. Dabei sind eine kompetente Diagnostik, eine adäquate Haltung gegenüber den begleiteten Menschen, die Pflege von Rhythmus und Beziehungsgestaltung sowie eine alltagsnahe, salutogenetische Unterstützung entscheidend.
Es ist Walter Dahlhaus zu danken für diese gut strukturierte, überschaubare und vor allem für medizinische Laien verständliche Broschüre. Sie bietet praktisch Tätigen im heilpädagogisch-sozialtherapeutischen Bereich eine erste Orientierung und lädt zur weiteren Vertiefung ein, um Menschen mit Assistenzbedarf darin zu unterstützen, ihre Gesundheit zu verstehen, selbstwirksam mitzugestalten und zu erhalten.
Link: https://www.anthrosocial.ch/de/publikationen.html
*Hinweis: Die Broschüre wird in Europa über Anthropoi und in der Schweiz über Anthrosocial bezogen.