Autorin: Annette Pichler
Verlag: Info3 Verlag (2024)

Das vorliegende Buch setzt sich von einem erfahrenen und fachlich fundierten Standpunkt aus mit dem Heilpädagogischen Kurs Rudolf Steiners auseinander. Es ist eine zum Teil kritische, aber auch selbstreflektierende Haltung, aus der heraus geschrieben wurde. Eine seltene, mutige und hochaktuelle Erscheinung im Genre der sogenannten anthroposophischen Sekundärliteratur. Im Sinne des gegenwärtigen Trends der Inklusion im sozialen Fachbereich legt die Autorin das Dilemma dar, nach dem es nicht länger üblich ist, über Menschen zu sprechen und deren Aktionen in Frage zu stellen, wenn diese nicht anwesend sind. Doch jene Personen, die in diesem Steinerschen Kurs beschrieben wurden und agierten, sind längst gestorben. Sie hinterfragt aus heutiger Sicht den Weg von der Diagnose zur Therapie – ein Weg, der wegen seiner zum Teil spirituellen Orientierung Fragen und Überlegungen hervorruft, die im Jahre 1924 und in Anwesenheit Rudolf Steiners nicht gestellt wurden. So schreibt sie zu einem Thema, das weiter noch besprochen wird, sie könne diese «Situation nicht unbesprochen lassen, weil Anthroposophie meines Erachtens nicht einfach unhinterfragt tradiert werden sollte, sondern mit heutigen Diskursen und Paradigmen aktiv in Dialog treten muss, um zeitgemäss und sinnvoll wirken zu können und ihr volles Potential zu entfalten» (S. 87).
Hundert Jahre nach Rudolf Steiners Heilpädagogischem Kurs bestehen über 750 Einrichtungen der anthroposophisch gesinnten Heilpädagogik und inklusiven sozialen Entwicklung in 60 Ländern – eine Expansion, die einer gesonderten Ausführung würdig wäre. Jene zwölf Vorträge haben einen Impuls ausgelöst, der für Abertausende von Menschen mit Assistenzbedarf zu einer Lebensgrundlage geworden ist und für Tausende von Menschen eine Aufgabe, die sie zeitweise oder berufslebenslang ausüben. Noch vor der eigentlichen Besprechung des vorliegenden Buches sei deshalb die Frage gestellt, in welchem Maß die Inhalte dieses Vortragszyklus in den diversen Institutionen weltweit bewusst gepflegt und umgesetzt werden. Und es muss, wenn man ehrlich hinschaut, festgestellt werden, dass dies oft nur sehr spärlich und bescheiden der Fall ist. Es ist dies das Resultat eines vielschichtigen Prozesses. Anthroposophische Berufsausbildungen in diesem Fach sind zum Erlangen und Erhalten der amtlichen Betriebsbewilligungen und zur Erfüllung amtlicher Vorschriften gezwungen, weitgehende Anpassungen der Lehrpläne vorzunehmen. Dabei wird der Umfang anthroposophisch relevanter Inhalte zwangsäufig reduziert. Der Heilpädagogische Kurs ist anthroposophischer ‹Hardcore› und schon die Grundlagen zu dessen Entzifferung können zeitlich kaum noch gelegt werden. Und bei denen, die diesen Kurs als eine Art ‹Deus ex Machina› behandeln, mangelt es oft an der Fähigkeit, seine Inhalte mit der immensen Welt der forscherischen und praktischen Entwicklung in den letzten 100 Jahren auf diesem Feld zu konfrontieren. Selbst an manchen heilpädagogischen und sozialpädagogischen Ausbildungsstätten, die sich um die Vermittlung der anthroposophischen Grundlagen bemühen, ist dieser Text in der Gegenwart nicht länger Pflichtliteratur. Folglich ist auch die Beschäftigung mit dessen Inhalten in den Institutionen sehr oft kaum noch wahrnehmbar.
Ein erster Versuch …
Das Punkt-und-Kreis-Modell und die mit dem gleichen Namen bezeichnete Meditation sind Kernpunkt dieses Kurses. Es ist eine minimalistische Reduktion mancher zentralen Motive der Anthroposophie und deren Menschenkunde, der anthroposophischen Auffassung von Mensch und Welt, von Inkarnation, Exkarnation und Reinkarnation. Vom menschlichen Ich und seinen Hüllen. Von der materiellen Welt und deren Übergängen zu einer Transzendenz. Dieser Vortragszyklus enthält eine Zusammenfassung dieses Motivs, das in anderer Form und anderen Zusammenhängen an zahlreichen Stellen in Steiners Werk angesprochen wird.
Die vorliegende Publikation wagt sich an das Entmystifizieren dieses Motivs. Damit wird dieser Steiner-Text, der wegen seiner zum Teil esoterischen Inhalte heute oft als praxisfern betrachtet wird, von einem verschlüsselten Rätsel zu einer Quelle der fachlichen Inspiration – womit er wieder an Aktualität und vor allem ebenso an Attraktivität gewinnt. Es ist Annette Pichlers Verdienst, den Versuch zu unternehmen, mit modernem, zeitgenössischem Fach-Werkzeug sich an die Analyse dieses Kodex heranzutasten, kritische Fragen zu stellen und für Menschen, die heutzutage sich mit diesem Grundstein anthroposophischer sozialer Arbeit befassen wollen, eine Brücke zu bauen, um in die auch geistigen Dimensionen dieses Textes einsteigen zu können. In der weltweiten heilpädagogischen und inklusiven sozialen Arbeit ist zwar von «Seelenpflege» die Rede. Paradoxerweise wurde aber jahrzehntelang eher zu wenig die Entwicklung der psychologischen Forschung und Praxis in diesen Kreisen berücksichtigt. Für Kenner des Textes taucht im Hintergrund schnell der abschätzige Steinersche Satz: «Psychoanalyse ist Dilettantismus im Quadrat» (Steiner 2024, S. 88) auf. Pichler ist Psychologin. Ihr Umgang mit den Inhalten des Kurses (und auch ihrer Leserschaft) ist geprägt von einem Gesprächston, der dieses Fachbuch nahezu in einen Dialog verwandelt. Sie scheut sich nicht, mit heutiger Optik darin beschriebene Behandlungsmethoden infrage zu stellen – mit Fragen, auf die jahrzehntelang allzu oft die Antwort kam: «Da hast du noch nicht verstanden, was Rudolf Steiner damit wirklich gemeint hat, du musst noch weitere Schritte in deiner spirituellen Entwicklung gehen.» Psychologische Modelle widersprechen nicht a priori der spirituellen Menschenkunde. Letztere aber, wenn sie nicht bewusst durchdrungen, sondern nur modellhaft versucht wird, sie umzusetzen, hat ein noch grösseres Potenzial, methodische Fehler und damit Schäden – auch im karmischen Sinne – zu verursachen, beim zu betreuenden Klienten wie bei der Fachperson. Pichler bewegt sich frei in diesem Spannungsfeld und zeigt eine radikale Ehrlichkeit und Selbstreflexion. Nicht nur frei, sondern auch befreiend: «Meines Erachtens wäre es also ein schwerwiegender Fehler, davon auszugehen, dass Steiner aufgrund eines unfehlbar beschrittenen ‹Schulungsweges› auf jeden Fall immer die Wirklichkeit erfasst haben müsse» (S. 93). Über ihren Versuch, an einem konkreten Beispiel Steiners Beziehungsgestaltung, Diagnose und Therapie zu analysieren, räumt sie ein, es sei ihr «sehr bewusst, dass dieser Versuch notwendigerweise unvollkommen bleiben muss und dass mein Eindruck auch falsch sein kann» (S. 95).
Im Unterschied zu anderen Vortragszyklen waren beim Heilpädagogischen Kurs nicht hunderte, sondern nur 21 Menschen, Fachleute und Vertraute Steiners, anwesend. Steiners Vorgehensweise war folglich sehr pragmatisch und konkret. Die Inhalte stehen weitgehend in einem direkten Bezug zu jenen Kindern, die von ihm vorgestellt wurden und die alle Anwesenden bereits kannten oder während des Kurses kennenlernten – und damit zu den Phänomenen, die an diesen Kindern sichtbar wurden und auf die er aufmerksam machen wollte. Das Problem, welche Passagen sich auf spezifische Kindeskonstitutionen beziehen und wie adäquat es ist, diese als allgemeine Konstitutionsvarianten zu verstehen, ist an sich bereits eine Punkt-und-Kreis-Frage. Insofern ist auch der Inhalt des Kurses per se ein Punkt-und-Kreis Phänomen – und damit ist bereits die Relevanz einer analytischen Auseinandersetzung gegeben.
Das vorliegende Buch ist ein erster Versuch, nicht nur universale Herangehensweisen und konkrete biografische Situationen aufeinander zu projizieren, sondern zudem konkrete, spezifische Empfehlungen Steiners nach gegenwärtigen Maßstäben kritisch zu untersuchen, ohne dabei die auch – meditative Beschäftigung – mit der Punkt-Kreis-Idee und deren Potenzial als Mittel zur Stabilisierung des Seelenlebens grundsätzlich infrage zu stellen.
… der Bann bricht
Pichler berichtet vielmehr über ihre eigenen Erfahrungen im kontemplativen und meditativen Umgang mit dem Punkt-und-Kreis-Motiv:
«Wenn ich mir […] Steiners Bild einer Metamorphose von Kopf und Gliedmassen über das jetzige Leben hinaus vorstelle, verlasse ich diesen mir bereits bekannten Wahrnehmungsbereich. Es entsteht eine Bewegung, die weit über das hinausgeht, was ich noch mit meinem jetzigen Wahrnehmungsvermögen erfassen kann.» (S. 46).
Damit wird ihr Buch auch zu einer Einführung in den Heilpädagogischen Kurs und deutet darauf hin, dass dieser einerseits eine Erweiterung der Steinerschen Menschenkunde darstellt, und andererseits viele der zunächst persönlichen und personengebundenen Hinweise Steiners, bei der von ihr vorgeschlagenen Lesart, nach genauer Prüfung und individueller Analyse sehr wohl eine universelle, allgemeinmenschliche Bedeutung haben.
Einen Schwerpunkt des Buches bildet die Auseinandersetzung mit der Behandlung des hydrocephalen Kindes Willfried und der Beziehung Steiners zu dessen Mutter Theodora Kunert, die ihm das Kind anvertraute. (1) Steiner stellte bei der Mutter ein «abnormes Seelenleben» (Steiner 2024, S. 349) fest, dem zufolge das Kind auch nach der Geburt sein Embryo-Dasein beibehielt. Er empfahl das sofortige Abstillen, später sogar die räumliche Abtrennung von der Mutter, sowie die Pflege in einem dunklen, abgeschotteten Raum und, abgesehen von medikamentöser Behandlung, in beziehungsfreier Atmosphäre. (2)
Pichler setzt sich nun mit Steiners Art der – damals noch nicht so bezeichneten – familiären Systembehandlung der Mutter und des Kindes auseinander. Sie hinterfragt die Gesprächsführung Steiners mit der Mutter, nimmt Bezug auf die Verhaltensvorschriften des Pflegepersonals und insbesondere auf die Trennung des Kindes von der Mutter. Sie berücksichtigt dabei das inzwischen so reichhaltige und wesentliche Wissen um die psychologische Bindung von Neugeborenen an ihre Mutter und deren Bedeutung für ihre körperliche, seelische und intellektuelle Entwicklung – was nicht zuletzt die körperliche und seelische Nähe im unmittelbar postnatalen Zeitraum betrifft. An dieser Stelle kann nicht tiefer darauf eingegangen werden.
Es sei jedoch gesagt, dass die Autorin, obgleich mit unverkennbarem Respekt vor Steiners Autorität, sich nicht davor scheut, fragwürdige Aspekte kritisch zu hinterfragen. Bei einer Publikation, die sich kritisch, analytisch und sehr persönlich mit Steiners Werk auseinandersetzt, tendiert man leicht dazu, Mängel und Fehler zu finden und zu monieren. Es lohnt sich jedoch, dieses Buch so zu lesen, dass man den Gedankengängen der Autorin folgt und dabei wahrnimmt, wie sie selbst mit dem, was sie entdeckt, ringt – und dass sie dort, wo ihr keine abschliessenden Resultate gelingen, auch Fragen offen stehen lässt. Das Werk schliesst mit seinem letzten Unterkapitel über Die Aufarbeitung von Leid und Gewalt und ein neues Selbstverständnis im Fortissimo. Physische, psychische und sexualisierte Gewalt bleiben auch in anthroposophisch sein-wollenden Institutionen nicht aus. Maßnahmen, die an Schutzbefohlenen von Mitarbeitenden durchgeführt werden, die keine Fachbildung haben und das anthroposophische Menschenbild nur skizzenhaft in sich tragen, können verheerende Folgen nach sich ziehen.
Das therapeutische Potenzial einer Gemeinschaft kann sich erst dann entfalten, wenn ein fundiertes Wissen um Ursache und Wirkung im therapeutischen Tun vorhanden ist. Laut Pichler ist es eine «für die nächsten Jahre zentrale Fragestellung», inwiefern der Gemeinschafts-Begriff durch das aus der Traumapädagogik stammende Konzept eines sicheren Ortes abgelöst werden kann – und welche Formate sich daraus ergeben werden» (S. 167). Damit ist dieses Buch auch ein Aufruf, nicht nur am Punkt, dem Heilpädagogischen Kurs Rudolf Steiners, sondern ebenso an der Peripherie des institutionellen Alltags, im Umkreis der Weltbewegung, fachlich fundiert neu anzusetzen.
Das Buch deckt nicht alle Aspekte des Heilpädagogischen Kurses ab und erhebt auch nicht den Anspruch, dies zu tun. So werden nicht die im Fall des Kindes Willfried ergriffenen medizinischen Maßnahmen besprochen. Doch handelt es sich insgesamt um eine bahnbrechende Schrift, die einen zeitgemässen Umgang mit Texten Rudolf Steiners entwirft. Damit betritt sie einen Weg, der diesen in Fachkreisen in den Hintergrund geratenen Kurs wieder in das Zentrum der anthroposophischen Heil- und Inklusionspädagogik rücken könnte und einen ehrlichen, persönlichen und dennoch nachvollziehbaren und attraktiven Weg zur Beschäftigung mit dessen Inhalt markiert. Pichler schreibt:
«Die Punkt-Kreis-Meditation schliesst die Meditierenden … unmittelbar an die Wahrnehmung einer dynamischen Wirklichkeit zwischen den physischen anwesenden Menschen und deren jeweiligem geistigen Bezugspunkt an» (S. 36). Wer diesen Gedanken verifizieren möchte, wird sich selbst darin üben müssen. Und deshalb wendet sich dieses Buch nicht nur an Heil- und Sozialpädagog:innen, sondern an alle Menschen, die ein Interesse an einem innovativen, begründeten, persönlichen und überzeugenden Umgang mit dem Werk Rudolf Steiners haben.
Wir danken der Zeitschrift ‹dieDrei› für die freundliche Genehmigung zum Abdruck dieser Rezension.
Fußnoten:
(1) Theodora Kunert wurde später unter dem Namen Maria Josepha Krück von Poturzyn als Schriftstellerin bekannt.
(2) Ich selbst hörte in den 70er-Jahren die Schilderung von Lucia Grosse. Sie war Krankenschwester und musste die Versorgung des Kindes in der Arlesheimer Klinik still, wortlos, ohne seelische Zuwendung und in einem verdunkelten Raum erledigen.