Ein Zufluchtsort in Krisenzeiten

Franka Henn: Sandra, bitte erzähl uns zunächst von der Initiative Step Together. Welches Anliegen steht dahinter?

Sandra Rouhana: Step Together wurde 1974 gegründet und ist eine unpolitische, gemeinnützige Nichtregierungsorganisation. Es handelt sich um eine engagierte Gemeinschaft, die Kinder und Erwachsene mit besonderen Bedürfnissen unterstützt und gleichzeitig durch Bewusstsein, Ausbildung und inklusive Initiativen der breiteren Öffentlichkeit dient. Unser Ziel ist es, hochwertige pädagogische und therapeutische Leistungen durch vielfältige, sich ständig weiterentwickelnde Programme anzubieten. Seit über 30 Jahren arbeiten wir daran, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich jeder einzelne Mensch unabhängig von seinen Lebensumständen entfalten kann.

FH: Lass uns ein wenig auf die Geschichte der Organisation zurückblicken. Wie hat alles begonnen und was genau könnt ihr heute anbieten?

SR: Step Together wurde 1974 als Kindergarten von der Kinderärztin Dr. Waltraud Merhej, der Mutter unserer derzeitigen Geschäftsführerin Dr. Rim Mouawad, gegründet. Im Laufe der Jahre ist daraus ein ganzheitliches Zentrum geworden, das eine Vielzahl von Diensten und Programmen für Kinder und Erwachsene mit besonderen Bedürfnissen anbietet. Wir haben ein Frühförderungs-, ein Schul-, ein Berufsbildungs- und ein Wohnheimprogramm. Unser Ansatz ist die Waldorf- oder Steiner-Pädagogik, die die Einzigartigkeit jedes Menschen fördert. Zusätzlich zu den Bildungsmöglichkeiten bieten wir sowohl konventionelle als auch ganzheitliche Therapien an.

Im Laufe der Jahre musste Step Together mehrmals den Ort wechseln, bis uns ein Elternteil dieses wunderschöne Grundstück für unsere Organisation angeboten hat. Mit Hilfe von Architekten aus Deutschland wurde dieses heilsame Gebäude in der wunderschönen Landschaft erbaut. Step Together liegt in der Natur, umgeben von Bäumen und einem Fluss. Das Gebäude selbst hat eine organische Form und harmoniert mit den umliegenden Bergen. Dieser offene, grüne Raum schenkt allen, die hier arbeiten, lernen und leben, ein Gefühl der Heilung und des Friedens. Step Together ist ein Ort der Hoffnung, der uns in Krisenzeiten beschützt hat. Während der Pandemie und sogar in Konfliktzeiten galt Step Together als sicherer Ort, an den Eltern, Mitarbeitende und Kinder trotz der Umstände weiterhin kommen wollten.

Step Together ist als Ausbildungszentrum in Dornach, Schweiz, anerkannt und akkreditiert. Wir investieren kontinuierlich in die berufliche Weiterbildung. Für uns ist diese fortlaufende Ausbildung ein wirkungsvolles Instrument, um inmitten all dessen, was um uns geschieht, Resilienz zu pflegen.

FH: Eure Website eröffnet direkt mit einem Zitat von Rudolf Steiner. Wie kam es dazu, dass die Gründerin von Step Together von der Anthroposophie inspiriert war?

SR: Dr. Wali – eigentlich heißt sie Waltraud – ist Deutsche und war wirklich die treibende Kraft und Verbindung zur Anthroposophie. Als Kinderärztin gründete sie zu Beginn der Siebzigerjahre den Kindergarten Le Petit Prince [Der Kleine Prinz] und stärkte Frauen, indem sie ihnen ermöglichte, zu arbeiten und gleichzeitig ihre Kinder bei sich zu haben. Als der Krieg ausbrach, bestand sie darauf, im Libanon zu bleiben, wo sie Menschen in Flüchtlingslagern und Notunterkünften unterstützte. Es war nicht leicht, Anthroposophie in einem Land mit so vielen verschiedenen Religionen und Glaubenssystemen einzubringen. Aber heute sehen wir, wie wichtig Anthroposophie für uns gewesen ist.

FH: Vielen Dank für diese Vorstellung! Ich habe dich um dieses Gespräch gebeten aufgrund der speziellen Zeit und Krise, in der wir gegenwärtig leben und in der du und eure Gemeinschaft angesichts von Krieg, Angriffen und Zerstörung extrem herausgefordert seid. Im Libanon gab es bereits einige Bürgerkriege und Konflikte und in den letzten zwei Jahren den wiederaufgeflammten Krieg mit Israel. Eure Gemeinschaft befindet sich in einem Vorort von Beirut, der ebenfalls unter schweren israelischen Bombardements gelitten hat. Kannst du beschreiben, wie ihr unter diesen Umständen gearbeitet habt?

SR: Wie du schon sagst, hat der Libanon in den letzten Jahrzehnten viele Kriege erlebt. Wenn ich an den letzten Kriegsausbruch zurückdenke, weiß ich immer noch nicht, wie wir es geschafft haben, unter solchen Bedingungen zu arbeiten. Für uns war es jedoch sehr wichtig, die Türen der Gemeinschaft offen zu halten, da in Krisenzeiten alle Unterstützung brauchten. An vielen Morgen kamen die Schüler:innen und Mitarbeitenden nach schlaflosen Nächten aufgrund der pausenlosen Bombardierungen zur Arbeit, und wir alle wissen, wie wichtig Schlaf für die Regeneration der Lebenskräfte ist. Trotzdem hatten wir das Bedürfnis, uns zu engagieren, geerdet und präsent zu bleiben und Kraft zu finden. Die Mitarbeitenden konnten sich entscheiden, ob sie sich zu Hause ausruhen oder zur Arbeit kommen wollten. Doch 90 Prozent von ihnen entschieden sich dafür, zu kommen, weil auch sie diesen Raum brauchten. Wir boten ihnen die Möglichkeit, über das Geschehen zu sprechen, und sichere Mittel, um sich künstlerisch auszudrücken.

In Krisenzeiten, und besonders während des Krieges, hat sich meine Rolle, die Rolle des Leitungsteams und die der gesamten Step Together-Gemeinschaft erweitert. Wir mussten für unsere eigene Gemeinschaft da sein, insbesondere für die Erwachsenen: Lehrpersonen und Eltern, die Teil des Lebens unserer Schüler:innen sind. Denn sie sind es, die für die Kinder da sind, und sie brauchten selbst Hilfe. Für unsere Mitarbeitenden haben wir Treffen für emotionale Unterstützung eingerichtet, in denen wir versucht haben, ihre inneren Stärken zu fördern. Wir haben Reflexionskreise abgehalten. Wir haben viele kunstbasierte Sitzungen in unsere tägliche Arbeit integriert. Wir haben unsere Prioritäten verschoben. Wir haben unsere Pläne und Zielsetzungen geändert, um die Lehrkräfte und Eltern zu entlasten, da die meisten von ihnen ängstlich und überfordert waren und nicht sicher, wie sie ihr eigenes Leben weiterführen und ihre Kinder in dieser Situation unterstützen sollten, in der sie selbst bedürftig waren. Wir blieben eng im Kontakt und versuchten, ihnen Sicherheit zu geben und einfache Strategien zu vermitteln,, um einen Rhythmus in der Schule und zu Hause aufrechtzuerhalten, auch wenn wir wussten, dass viele unserer Familien ihr Zuhause verloren hatten. Wir haben versucht, die Solidarität und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, das wir in den letzten 30 Jahren aufgebaut haben, und erinnerten sie und uns selbst daran, dass wir nicht allein dastehen.

Wir haben auch einige Familien unserer Mitarbeitenden aufgenommen, die in besonders gefährdeten Straßen und Gebieten lebten. Einige hatten ihre Häuser durch die Bombardierungen verloren und wurden hier untergebracht. Dann begannen wir, uns an die größere Gemeinschaft um uns herum zu wenden. Wir nahmen eine Familie auf, die wir zuvor nicht kannten und die in der öffentlichen Schule nicht mehr unterkommen konnte. Durch Gespräche und das gemeinsame Kochen wurde diese Familie bald Teil unserer Gemeinschaft. Wir wandten uns auch an die Gemeinde und boten den in den öffentlichen Schulen untergebrachten Familien psychosoziale Unterstützung an. Drei öffentliche Schulen liegen in unserer Nähe, also gingen wir dorthin, um die Kinder aufzufangen. Unsere Mitarbeitenden schlossen sich zusammen und kochten täglich etwa 500 Mahlzeiten für die vertriebenen Familien. Das ermutigte uns, unser Engagement fortzuführen. Diese Handlungen waren einfach, aber zutiefst menschlich.

FH: Wie hat sich die Situation auf die Schüler:innen im Zentrum ausgewirkt?

SR: Sie hat sie sehr stark beeinflusst. Die Menschen denken oft, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen solche Situationen nicht wahrnehmen. Aber sie spüren oder fühlen, dass etwas nicht stimmt, auch wenn sie es nicht in Worte fassen können. Viele unserer Schüler:innen sprechen nicht und sind nicht in der Lage, ihre Gefühle oder ihre Fragen zu verbalisieren. Dennoch konnten sie die Angst ihrer Mitmenschen, insbesondere ihrer Familien, spüren, und sie waren den Medien, in denen Bilder von Zerstörung und Bombardierungen vorherrschten, und der Energie von diesen Medien ausgesetzt. Die Routinen der Kinder wurden unterbrochen, und es ist bekannt, wie wichtig Routinen für die Entwicklung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen sind. Viele von ihnen mussten während dieser Zeit umziehen. Die meisten von denen, die im Süden des Libanon ihr Zuhause hatten, haben es verloren. Viele, die aus Beirut kamen, haben ebenfalls ihre Häuser verloren, und in jedem Fall war es nicht sicher für sie, dort zu bleiben.

Und was sensorische und auditive Reize angeht, so war den ganzen Tag das Geräusch von Raketen am Himmel zu hören. Für uns Erwachsene war das schon sehr beunruhigend, aber wir haben uns etwas daran gewöhnt. Für die Kinder im Autismus-Spektrum, die ohnehin schon sehr empfindsam sind, waren diese Geräusche und Bilder eine extreme Herausforderung. Das konnte zu unerwünschten Verhaltensweisen führen, weil sie durch Handlungen kommunizieren mussten, was sie nicht mit Worten fassen konnten. Wir konnten sehen, dass sie nicht in der Lage waren, das, was sie erlebt hatten, zu verarbeiten oder auszudrücken. Wir haben versucht, viele Kunstformen, rhythmische Übungen, heilende Geschichten, Lieder und Musik einzubeziehen, um die störenden Reize durch etwas Schönes zu ersetzen.

FH: Kannst du beschreiben, wie sich Terror und Krieg bei Menschen mit besonderen Bedürfnissen auf körperlicher, emotionaler oder mentaler Ebene widerspiegeln? Und konntest du bei den Methoden, die ihr im Umgang damit eingeführt habt, beobachten, was am besten wirkte? Oder musstet ihr eure Methoden im Verlauf anpassen?

SR: Es ist klar, dass Kinder und Erwachsene, die eine so tiefe Krise durchleben, davon stark betroffen sind. Körperlich konnten wir sehen, dass die Schüler:innen nach schlaflosen Nächten erschöpft waren und einfach nur bei uns ausruhen mussten. Wie gesagt, die meisten können nicht mitteilen, was sie belastet, aber man sieht die Folgen oft in einem Rückschritt in ihrem Verhalten, zum Beispiel durch Einnässen aufgrund von Angst und Trauma. Viele Schüler:innen, die sprachliche oder kommunikative Fortschritte gemacht hatten, fielen plötzlich wieder zurück. Während der schlimmsten Phasen des Krieges konnten wir kaum unterrichten, aber bei Aktivitäten, die Konzentration und Aufmerksamkeit erforderten, stellten wir auch darin einen Rückgang fest. Wir haben auch viele Beschwerden und körperliche Schmerzen bei unseren Schüler:innen beobachtet.

Uns Erwachsenen ging es ähnlich; wir hatten Schmerzen und waren unsicher, wie lange dieser Krieg noch andauern würde. Die israelische Armee hat vorher angekündigt, wo sie bombardieren würde, was bis zu einem gewissen Grad wie eine Warnung wirken konnte. Aber es ist psychologisch und emotional belastend, diese Abbildungen zu erhalten, zu versuchen, die Karte zu vergrößern, darüber nachzudenken, ob man jemanden kennt, den man sofort kontaktieren sollte, um zu warnen und das eigene Zuhause als Zufluchtsort anzubieten. Dieser Stress war für uns überwältigend.

Zunächst versuchten wir, unser Zentrum an bestimmten Tagen zu schließen, insbesondere nach schweren Nächten. Als wir jedoch erkannten, dass dieser Krieg nicht schnell enden würde, und wir sahen, wie belastet unsere Schüler:innen und Mitarbeitenden waren, beschlossen wir, unsere Türen offen zu halten. Wir hatten das Gefühl, dass es für uns keinen wirklich sicheren Ort gab, nicht einmal in den eigenen vier Wänden. Aber wir konnten zumindest versuchen, den Arbeitsrhythmus wieder in unser Leben zu integrieren und in unseren täglichen Aufgaben produktiv und nützlich zu bleiben.

Diese Entscheidung machte einen großen Unterschied. Ich erinnere mich, dass ich mich am ersten Tag nach der Wiedereröffnung weniger ängstlich fühlte, weil ich wieder das machte, was ich vor dieser Unterbrechung meines Lebens getan hatte. Wir sahen die Auswirkungen dieser Entscheidung auf unsere Mitarbeitenden. Wir haben die erwähnten Methoden für unsere Schüler:innen eingeführt, dann auch für deren Familien, bis wir begannen, unsere Unterstützung auf die nähere und weitere Umgebung auszuweiten. Wir wurden von der Regierung als NGO anerkannt, die vor Ort direkte Hilfe leistet, neben anderen NGOs, die auf unterschiedlichen Ebenen unterstützen. Wir hatten monatliche Treffen und virtuelle Telefonkonferenzen und konnten sehen, wie sinnvoll unsere Hilfe durch Lebensmittel und psychosoziale Unterstützung und die Hilfe der anderen Organisationen wirklich war. Es motivierte uns, weiterzumachen, als wir sahen, wie unsere Arbeit über unsere eigene Gemeinschaft hinaus in die größere Gemeinde hineinwuchs und etwas bewegte.

FH: War es auch nötig, ganz neue Praktiken in eure Arbeit zu integrieren?

SR: Ja. Wie bereits gesagt, haben wir uns um Vertriebene gekümmert, die in öffentlichen Schulgebäuden untergebracht waren. Das waren keine Menschen, die zuvor arm waren, sondern Menschen, die ein ordentliches Zuhause hatten und ein stabiles Leben führten. Über Nacht haben sie alles verloren. Einige verloren ihre Arbeit, ihr Auto und ihr Zuhause. Eines Tages wachten sie auf und hatten nichts mehr. Für sie war es nicht selbstverständlich, um Hilfe zu bitten oder Hilfe zu benötigen. Daher war es sehr wichtig, wie wir auf diese Familien zugingen. Wir mussten sehr umsichtig sein, da sie natürlich alle emotional sehr mitgenommen waren.

Wir wollten die Kinder unterstützen und schickten daher verschiedene Teams in die Schulen, um mit diversen Altersgruppen zu arbeiten. Dadurch kamen auch die Erwachsenen auf uns zu, weil sie sahen, dass sie diese Art von Unterstützung auch brauchten. Wir mussten uns auf diesen unvorhergesehenen Bedarf einstellen und den richtigen Ansatz für Erwachsene finden. Es war wichtig, die Altersgruppen getrennt zu halten, da unterschiedliche Ansprachen und Formulierungen notwendig waren, um den Bedürfnissen angemessen gerecht zu werden.

Nach intensiver Arbeit mit ihnen hat sich das Verhalten der Kinder verändert. Wir haben viel zusammen gemalt und gezeichnet, und man konnte ihre Fortschritte gut an den Bildern ablesen. Auch ihre Bewegungen und ihre Beziehungen untereinander verbesserten sich. Einige von ihnen waren zuvor gewalttätig untereinander gewesen, und wir konnten echte Besserungen sehen. Wir haben auch viel über die Arbeit mit den Kindern reflektiert, weil wir von ihrer Resilienz lernen wollten.

Glücklicherweise hat die Gemeinde diese untergebrachten Familien mitunterstützt, und im Laufe der Zeit stellten einige Menschen Dinge wie eine Waschmaschine oder einen Backofen zur Verfügung. So konnten die Betroffenen wieder selbst kochen und fühlten sich weniger von uns, die wir ihnen Mahlzeiten lieferten, abhängig. Es half ihnen, beschäftigt zu sein und sich nützlich fühlen. Mahlzeiten zu erhalten war wichtig, aber noch wichtiger war es für sie, selbst kochen zu können.

FH: Du hast bereits die Situation beschrieben, mit der eure Mitarbeitenden konfrontiert waren, und ich frage mich, wie es ihnen jetzt geht, den Lehrkräften, Betreuer:innen und Therapeut:innen, die mit euch arbeiten? Und wie konnten du und das Leitungsteam für euch selbst sorgen, während ihr so viel für andere getan habt?

SR: In unserem Leitungsteam haben wir viel mit den ‹Sechs Nebenübungen› gearbeitet, die Rudolf Steiner vorgeschlagen hat. Für uns waren diese Übungen während des Krieges unerlässlich, insbesondere die Übung zur Positivität. Wenn man über Krieg, Zerstörung, den Verlust von Menschenleben, Häusern, Eigentum und die Dysfunktion des ganzen Landes spricht, ist es sehr schwierig, etwas Positives zu sehen. Aber mit der richtigen Übung kann man dennoch eine Chance für Erneuerung, für Transformation und die dahinterstehende Positivität erkennen. Die größere Gemeinschaftsarbeit hat uns zusammengebracht. Die harte Situation hat uns zusammengeschweißt. Menschen, die sich zuvor nie begegnet wären, haben sich die Hand gereicht, und das war für uns alle sehr bedeutsam.

Das bedeutet nicht, das Leid zu ignorieren; es gibt viel Leid, und für manche Menschen ist es härter als für andere, aber es geht darum, sich bewusst dafür zu entscheiden, damit umzugehen. Die Arbeit damit macht man, indem man präsent und mitfühlend ist. Man lernt dann, dass Menschen letztendlich spirituelle Wesen sind und dass nichts das spirituelle Wesen zerstören kann. Kein Krieg und keine andere sichtbare Sache kann ihm Schaden zufügen. Wenn wir einander mit Sorgfalt und Mitgefühl betrachten, durch diese Linse, dann haben wir zumindest etwas Hoffnung, dass bessere Tage kommen werden.

Die Libanes:innen sind von Natur aus positiv, und wann immer etwas Schlimmes passiert, wird uns gesagt, dass wir ‹die Resilienten› seien. Aber es ist zu viel geworden; wir wollen das Wort ‹Resilienz› nicht mehr hören. Doch wir halten an der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle fest.

FH: Deine Beschreibungen zeigen mir auch, dass Menschen zu einer viel umfassenderen Art der Inklusion fähig sind. Was bedeutet, dass wir es schaffen können, zusammenzukommen und mit Bewusstsein und Fürsorge Gemeinschaften und eine Gesellschaft zu kreieren. Ich würde niemandem solche Schrecken wünschen, wie ihr sie erlebt habt, aber ich denke, dass das, was ihr als Herangehensweise beschreibt, im allertiefsten Grunde Menschlichkeit ist.

Und während ich dir zuhörte, kamen mir zwei Worte in den Sinn, und ich möchte dich zum Schluss nach ihnen fragen. Angesichts der Situation und all der diversen Menschen, für die ihr arbeitet, denke ich an ‹Sicherheit› und ‹Verletzlichkeit›. In einer Kriegssituation ist Sicherheit offensichtlich nicht mehr gegeben. Und es lässt sich nicht leugnen, dass eine Gemeinschaft wie Step Together besonders verletzlich ist, weil eure Schüler:innen anders wahrnehmen, kommunizieren, sich bewegen und möglicherweise in einer Notsituation nicht in der Lage sind, auf eine vorgegebene Weise zu reagieren. Siehst du einen Weg, wie sich Sicherheit und Verletzlichkeit in diesem Kontext heilen lassen, wenn der Krieg hoffentlich endet?

SR: In unserem Arbeitsfeld entscheiden wir sehr oft für die Menschen, mit denen wir arbeiten. Wir sagen: «Das wird für diese Person funktionieren» usw. Wir gehen immer davon aus, dass sie nicht in der Lage sind, selbst zu entscheiden, und dass sie immer abhängig sind. Das geschieht sehr oft aufgrund guter Absichten … Wir versuchen, ihnen zu helfen, sie zu unterstützen oder Dinge für sie zu tun. Aber letztendlich sind sie, genau wie wir, ein Teil unserer Gesellschaft. Menschen mit besonderen Bedürfnissen machen mindestens zehn Prozent der Gesellschaft aus, daher müssen sie einbezogen werden, auch in Krisenzeiten.

Während dieses Krieges haben wir versucht, denjenigen, die ein wenig verstehen konnten, zu erklären, was vor sich ging. Es wäre schädlich, nicht mit ihnen darüber zu sprechen, denn wir können ihnen nichts vormachen. Sie hören und spüren alles um sich herum. Für uns war es wichtig, ihnen ein wenig von dem zu erklären, was geschah, entsprechend ihrem Verständnisniveau. Unsere Geschäftsführerin, Dr. Rim, hat darauf geachtet, jede Klasse zu besuchen, die Schüler:innen zu fragen, wie sie sich fühlen, mit ihnen darüber zu sprechen, zu sehen, was sie verstehen und sie in Diskussionen einzubeziehen. Sie sind ein Teil dieser Region und haben ein Recht darauf, Bescheid zu wissen.

Gleichzeitig war es für uns sehr wichtig, ihnen das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln und ihnen zu zeigen, dass sie hier weiterhin sicher sind. Sie können hier immer noch malen, sie können hier ihre Freund:innen sehen und sie können weiter ihrem Tagesablauf nachgehen. Auch für die Eltern war es ein sicherer Ort, und wir haben dafür gesorgt, dass die Eltern möglichst in der Nähe der Schule blieben, für den Fall, dass wir evakuieren müssten. Hier in unserer Gemeinschaft waren die Schüler:innen also besser geschützt. Es war auch eine Psychotherapeutin bei uns, die sich um Einzelne und um uns als Mitarbeitende im Team kümmerte, sodass auch wir unterstützt wurden.

Es war nicht einfach. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie wir das alles geschafft haben, aber vielleicht hatten wir auch keine andere Wahl. Und wenn man keine Wahl hat, findet man die Kraft.

 

Das Gespräch wurde am 11 . Juli 2025 geführt.

Übersetzung aus dem Englischen von Franka Henn.

 

Link: www.steptogetherlb.org

Fotos: Step Together Lebanon

Franka Henn
Franka Henn

Franka Henn arbeitet als Autorin und Eurythmistin. Sie ist in künstlerischer und sozial orientierter Eurythmie ausgebildet. Zwischen 2018 und 2025 war sie Redakteurin für Das Goetheanum. Heute leitet sie den Bereich Fachkommunikation für die Sektion für Heilpädagogik und inklusive soziale Entwicklung in Dornach.

Sandra Rouhana
Sandra Rouhana

Sandra Rouhana verfügt über mehr als 16 Jahre Erfahrung im Bereich Sonderpädagogik. Mit ihren akademischen Abschlüssen in Pädagogik und Bildungspsychologie und einem Diplom in Sonderpädagogik promoviert sie derzeit im Bereich Sonderpädagogik. Sandra ist Teil des Leitungs- und Ausbildungsteams von Step Together, einer Schule und einem Berufsbildungszentrum für Kinder und Erwachsene mit besonderen Bedürfnissen im Libanon. Sie hat einen bedeutenden Beitrag zu Initiativen zur beruflichen Weiterbildung bei verschiedenen lokalen und internationalen Institutionen geleistet, insbesondere in den Bereichen Notfallpädagogik und anthroposophische Ansätze zur unterstützenden Bildung. Als Delegierte der Sektion für inklusive soziale Entwicklung vertritt sie den Libanon.